Datum meines Lebens: Gudrun Gut

30.12.2016, Kultur Musik
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Mit Bettina Köster und Beate Bartel formte sie Mania D. Später gründete sie mit Blixa Bargeld und Beate Bartel die Einstürzenden Neubauten. Seit den späten 70er Jahren gilt Gudrun Gut als eine der wichtigsten Vertreterinnen und ersten weiblichen Stimmen der Berliner Underground- und Avantgarde-Szene, die mit Konventionen und Geschlechterrollen brach und eine Subkultur prägte, die noch heute nachwirkt.

Seit den 90ern betreibt Gudrun Gut das Label Monika Enterprise und setzt sich für Stimmen und Kulturbeiträge von Frauen ein. Für die Rubrik Datum meines Lebens wählte Gudrun Gut den Tag, an dem ihr der Roman Eine Frage der Schuld von Sofja Tolstaja in die Hände fiel, in dem die Frau von Leo Tolstoi mit ihrem als Jahrhundertschriftsteller gefeierten Ehemann abrechnet.

Dich hat Die Kreutzersonate von Tolstoi sehr inspiriert, und mehr noch das Gegenstück seiner Frau, Eine Frage der Schuld. Wann hast du die Erzählung von Sofja Tolstaja zum ersten Mal gelesen?
Gudrun Gut: Ostern vor fünff Jahren. Mein Freund hat früher nur Biografien, Dokumentationen und Kunstbücher gelesen. Erst in den letzten Jahren ist er auf Literaten wie Dostojewski und Tolstoi umgestiegen. Tolstoi hatte ich bis dato nicht gelesen. Wir haben immer schon viel über die Bedeutung der Frau gesprochen. Dann fanden wir Eine Frage der Schuld. Mich hat die Geschichte sehr inspiriert. Der Roman gibt tatsächlich eine ganz andere Sichtweise. Dass man als Frau alles aufgeben und in eine fremde Familie ziehen muss, weil man finanziell abhängig ist. Es muss nicht alles wahr sein. Die Geschichte ist ja fiktiv. Dennoch ist es eine Antwort auf Tolstois Erzählung. Es war ein Skandal, dass er sich in Die Kreutzersonate auf seine Frau bezogen haben könnte. Das ist für mich aber nebensächlich. Mir geht es darum, dass die weibliche Sicht auf das Leben tatsächlich eine ganz andere ist. Bezeichnend ist, dass Sofja Tolstajas Werk damals nicht veröffentlicht wurde, sondern erst 100 Jahre später.

Eine Frage der Schuld wird als autobiografischer Roman verstanden. Für eine Frau der damaligen Zeit sehr mutig.
G: Total. Ob sie den Roman aus Solidarität und Loyalität gegenüber Tolstoi nicht veröffentlicht hat, weiß man nicht. Es kann auch sein, dass sich kein Verlag getraut hat. Mir ging durch den Roman ein Fenster auf, was das Thema Frauen und Kulturbeitrag angeht. Viele fragen sich, was die Frau eigentlich anders macht als der Mann. Doch natürlich ist die Interpretation einer Frau anders, da die Frau eine ganz andere Vergangenheit hat. Es ist wichtig, dass beide Geschichten gehört werden. Es sind immer Lebensgeschichten und Lebenserfahrungen, die in einen Kulturbeitrag einfließen. Und die sind nun mal bei Frauen und Männern unterschiedlich. In der Musikbranche musste ich feststellen: die Frau in der Popkultur findet kaum statt. In der Underground- und elektronischen Musikszene so gut wie gar nicht.

Gibt es eine Figur in der Erzählung, die dich besonders inspiriert hat?
G: Es ging mir eher ums Prinzip. Ich fand es zu Beginn fast ein wenig frech von Sofja Tolstaja, eine Antwort auf das Werk ihres Mannes zu schreiben. Tolstoi ist dieser große Literat und sie schreibt einfach eine Replik auf seine Erzählung. Das war sehr mutig. Ihre Haltung – „Das lasse ich nicht auf mir sitzen“ – finde ich super. Das hat mich total gekickt.

Eine Frage der Schuld wurde vor 100 Jahren geschrieben, doch es fühlt sich erstaunlich aktuell an. Gibt es Parallelen in der Musikindustrie, eine weibliche Antwort auf mänliche Vorstellungen von Kunst und Kreativität?
G:
Ich muss keine Antwort auf einen männlichen Popsong schreiben. Das wäre Reaktion. Mir geht es heute eher um Aktion, um eine Gleichwertigkeit im Ausdruck. Oder darum, dass gleich viele Frauen wie Männer auf einem Festival spielen. Ich bin häufig auf Festivals. Tatsächlich treten dort nicht sehr viele Frauen auf.

Hat der Roman deine Sicht auf die Gesellschaft verändert?
G: Ich sehe vieles feministischer. Die Geschichte der Frau ist eine Underdog-Geschichte, eine Geschichte der Repression. In vielen Ländern ist es immer noch so, dass Frauen denken, sie müssten einen Mann finden, der sie ernährt.

Viele Frauen nehmen ihre Fraulichkeit erst durch die Augen eines Mannes wahr.
G:
Ob ich meine Weiblichkeit durch die Augen der Mäner gesehen habe, kann ich gar nicht sagen. Ich habe sie gar nicht wirklich wahrgenommen. Neulich schaute ich mit Freundinnen, die ich seit den 80er Jahren kenne, alte Fotos an. Ich dachte, wie gut ich doch aussah. Damals habe ich das nicht gemerkt.

Rockmusik hatte immer ein sehr maskulines Image, während Punk Geschlechterrollen und ethnische Herkunft aufgelöst hat. Konntest du diese Veränderungen spüren?
G: Absolut, ich war voll dabei. Das war damals ganz wichtig. Die meisten meiner Freunde trugen Make-up. Berlin war zutiefst politisch, was linke Ideen und das Auflösen von Geschlechterrollen anging. Punk hat alles neu gemischt. Vorurteile fielen weg. Es gab viele Frauen, die etwas Neues machten. Ich fühlte mich nicht alleine. Später sah es schon wieder anders aus. In den 90ern waren Geschlechterfragen und politische Diskussionen überhaupt kein Thema mehr. Es wurde so getan, als ob alles in Ordnung sei. Das war nicht gut für die Frauenbewegung. Am Ende sind nur ganz wenige übrig geblieben, Hardcore- Kämpferinnen wie Ellen Allien. Diese Frauen mussten doppelt so hart kämpfen wie andere DJs. Oder Electric Indigo, die ja female:pressure ins Leben gerufen hat. So ein Netzwerk ist gut, um Intentionen auszutauschen. Wenn mehrere Leute plötzlich merken, dass etwas nicht okay ist, wird dem eine ganz andere Bedeutung zugeschrieben. Es gab die Visibility-Aktion von female:pressure, die Produzentinnen im Studio zeigt. Denn Frauen im Studio sieht man nie.

Ich sprach vor einiger Zeit mit einer jungen, amerikanischen Künstlerin. Sie hatte Schwierigkeiten, ihre Stimme zwischen den männlichen Protagonisten zu erheben, weil sie dachte, ihre Meinung als Frau würde niemanden interessieren.
G:
Das Gefühl hatte ich nie, vielleicht habe ich es aber auch nur so empfunden. Wir haben es einfach gemacht.

Beitrag: Alina Amato
Foto: Courtesy Gudrun Gut

Dieser Artikel erschien in der Numéro Berlin #1

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