Love Yourself

11.09.2017, Kultur
 
 
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Facebook, Instagram, Snapchat und Twitter haben nicht nur unser Privatleben grundsätzlich verändert, sondern auch das der Megastars der Millennials. Justin Bieber und Selena Gomez – die symptomatische Lovestory des 21. Jahrhunderts. Doch auch Miley Cyrus oder Demi Lovato führen ein öffentliches Leben, das sich grundsätzlich von dem der vorherigen Celebrity- Generationen unterscheidet, in denen es noch so etwas wie Privatsphäre gab.

My Mama Don’t Like You
Sie heißen Zayn und Gigi, Taylor und Vanessa. Zac, Austin, Miley und Liam. Sie sind schön, reich und gehören zu Hollywoods jungen A-List-Paaren. Und dafür müssen sie noch nicht mal in Hollywood leben. Junge Weltbürger mit unerschöpflichen finanziellen Mitteln, die via Instagram, Snapchat und Youtube den Ton angeben. Zur US-amerikanischen Jeunesse prollée gesellt sich der 26-jährige Rapper The Weeknd samt neuer Flamme Selena Gomez. Selenas Karriere – das wissen alle, die zwischen 1990 und 2000 geboren sind – begann 2002 als Seifensternchen bei Disney, im unschuldigen Alter von zehn Jahren. Später landete sie in den armen Justin Biebers, wo ihre Karriere stagnierte. Denn der Bieber duldet niemanden neben sich.

You think I’m crying on my own? Well I ain’t …
Bieber und Gomez waren das ungekrönte Königspaar einer neuen Form in der Öffentlichkeit stehender Liebe. Eine Art von Liebe, die all das, was heutige Thirtysomethings als schmerzhafte Erinnerungen in einem dunklen Hirnareal verstaut haben, in den Schatten stellt. So hören bei einer im Scheinwerferlicht ausgeschlachteten Trennung die Geschichten um reich, schön und jung nicht auf. Da fängt der Reigen erst an. Denn die makellosen Millenials haben nicht nur schöne Stimmen, lange Beine und imposante Häuser, sie haben allesamt große Herzen, die im krassen Gegensatz zu dem stehen, was man auf dem harten Pflaster jenseits des Walk of Fame erdulden und gleichzeitig forcieren muss – maximale Transparenz. Das ist wahrscheinlich die einzige Regel für den Instagram-Ruhm.

Einst frotzelten aufgeklärte, vielleicht auch abgeklärte Erwachsene darüber, dass Disney unrealistische Vorstellungen von Liebe erzeuge, mit Märchen von naiven Prinzessinnen, die in Türmen auf Prinzen warten. Hätten wir mal kollektiv die Schnauze gehalten. Heute produziert der Disney-Kindersender gleich einer Fabrik kontinuierlich verwirrend sexy- sittsame Superstars. Selena Gomez, Miley Cyrus und Demi Levato sind junge Erwachsene, gefangen in Femme-Fatale-Körpern, die – gemeinsam mit ihren männlichen Pendants – die offenherzige Liebesdramen der Nouvelle Vague in einen beschämenden Schatten stellen. Vorbei die Zeiten, in denen eine mit Muschelbikini kaum verhüllte Arielle an den Grenzen der Sittlichkeit kratzte. Heute sind es keine Meerjungfrauen, sondern Nichtmehrjungfrauen wie Ariana Grande, deren gutes Recht auf Sexualität, Liebe und Herzschmerz in den sozialen Netzwerken und auf Harper’s Bazaar verfolgt und diskutiert wird.

Cause I didn’t want anyone thinking I still care

Gehen wir kurz in uns, um zu verstehen, was eine Junior-Celebrity-Trennung im Jahr 2017 wirklich für Herz und Seele bedeutet. Es ist nicht einfach, diesen augenscheinlich perfekten Millennials tiefere Gefühlsebenen zuzutrauen, als sie Emojis hergeben. Erinnern wir uns an den Herzschmerz, der uns – lange vor Instagram und Snapchat – den Schlaf raubte. Wir erinnern qualvolle Stunden, in denen wir zusammengekauert auf dem Bett lagen, umgeben von Taschentüchern, getröstet bestenfalls von der Hand einer guten Freundin oder dem Schulterklopfer eines guten Freundes. Wir erinnern uns an Take That auf Dauerschleife, an tütenweise Chips und Eiscreme. An böse Briefe, die wir schrieben und kurz darauf wieder zerrissen. Eine Trennung – und das ist altersunabhängig – ist geprägt vom tatsächlichen oder gefühlsbedingten Alleinsein.

Selbst wenn sie es wollen würden, so wäre der Zustand des Eskapismus für jene Zayns und Gigis, Justins und Selenas ein unerreichbarer Tumblr-Traum. Alleinsein ist nicht. Privatsphäre ist nicht. Kim Kardashian machte Abermillionen Dollar Verluste, weil sie Instagram nach dem Pariser Juwelenraub den Rücken kehrte. Sowas, das wissen auch die Jungen, macht man nur einmal. Am besten jedoch keinmal. Daher wird fleißig gepostet, bei neuer Liebe, alter Liebe und verflossener Liebe. Denn sie sind – neben ihren Berufen als Schauspieler, Sänger oder Celebrity-Spross, – vor allem Influencer, professionelle Beeinflusser. Und in einer sich gnadenlos dahinrasenden Welt wird Trennungsschmerz zu einem Balast, der nicht zu tolerieren ist. Zeit ist Geld, Schmerz braucht Zeit. Drama jedoch, Drama ist Clickbaiting. Und so kann es durchaus sein, dass man beim Scrollen durch Facebook erst auf die Eilmeldung „Gigi Hadid folgt Selena Gomez nicht mehr auf Instagram. The Weeknd macht Beziehung auf Instagram öffentlich“ stößt, bevor es um die minder wichtigen Dinge wie Syrien und Trump geht.

And I’ve been so caught up in my job, didn’t see what’s going on
Im November 2012 berichtete der Spiegel, dass sich Gomez und Bieber getrennt haben. Ein Schock für ihre damals kumulierten 43 Millionen Follower auf Twitter. Der Spiegel berichtete, und eine Menge Social-Media-Nutzer, von der Zahl her etwa die Hälfte der Bevölkerung Deutschlands, konnte quasi live am Drama teilhaben. Was noch vor einigen Jahren in T-Shirts mit der Aufschrift „Team Jennifer“ gipfelte, als Brad Pitt und Angelina Jolie ineinander morphten und Brangelina kreierten, ist für trennungserprobte Influencer ein alter Hut. So alt wie Madonnas Hände ohne Photoshop tatsächlich sind. Was einst ein gepflegter Rosenkrieg mit halbwegs abgesteckten Benimmregeln und Topanwälten war, ist im Leben der Turbotrennungs-Millenials ein regelloser Käfigkampf. Für die Selfie-Generation ist kaum etwas wichtiger als das eigene Spiegelbild.

Im November 2015 veröffentlichte König Bieber einen Song namens Love Yourself. Die Presse fragte sich, ob es sich dabei um Hommage mit Akustikgitarre an das Selbstbewusstsein handle, und gab sich noch am selben Tag die Antwort: Nein, es muss ein Diss gegen Selena Gomez sein. Justin Bieber kommentierte lediglich, dass es „ein hartes Jahr gewesen“ sei. Für junge Stars, die im Rampenlicht groß wurden, sind diese Antworten taktische Meisterleistungen, wenngleich sie für die sensationsgeile Userschaft eher ermüdend sind, als dass sie den voyeuristischen Geist erquicken. Doch in Zeiten, in denen im Jugendzimmer keine Briefe mehr verbrannt werden, können sie sich umso schneller die Zunge verbrennen. Und das kostet Likes. Wer möchte das schon?

Text: Rachel Sabiers
Collage: @betrayal_junkie

Love Yourself ist in der Numéro Berlin No.2 erschienen.

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