Iván Argote – Interview

30.04.2019, Allgemein Kultur Kunst News
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Wir haben den Künstler Iván Argote während seiner Installation zu „A point of view“ bei der Desert X Ausstellung in Kalifornien getroffen und uns über seine Kollaboration mit UGG, seinen Wurzeln und seinen Zugang zu seinem Publikum unterhalten.

NH:Du arbeitest als multidisziplinärer Künstler. Deine dafür verwendeten Medien sind unter anderem Film, Installationen und  Skulpturen. Auf welche Weise entscheidest du dich bei deinen Projekten für welches Medium? Oder geschieht das spontan?

IA:Nein, spontan passiert das nie. Jede Arbeit hat ihre eigene Besonderheit. Angefangen habe ich mit Video und Film und mich dann immer mehr Installationen, und auch öffentlichen Installationen zugewandt. Und die Gründe für welche Art der Darstellung ich mich entscheide haben meist den gleichen motivierenden Ursprung – und zwar den wie wir anderen Menschen gegenüberstehen, wie wir uns anderen Menschen gegenüber verhalten, wie wir unseren Nachbarn sehen, wie wir anderen Nationen gegenüberstehen.
Wir sind also immer mit „dem anderen“ konfrontiert. Über meine Arbeit versuche ich das immer über unterschiedliche Medien darzustellen. Der öffentliche Raum ist sehr wichtig für mich. Ich verwende für meine Arbeiten auch Baumaterialien, um das Erstellen einfacher zu gestalten. Das Wichtigste ist jedoch, dass es auf eine Weise geschieht, die meine Arbeit mit den Menschen interagieren lässt.

NH:Du bist in Kolumbien aufgewachsen, lebst jetzt in Paris und momentan befinden wir uns hier in Kalifornien. Wie viel Bedeutung haben Orte oder Umgebungen für dich und deine Arbeit?

IA:Die Installation, die ich mit der Unterstützung von UGG für das Desert X gemacht habe, ist eine sehr spezielle Arbeit. Es hat sehr stark mit dem Desert X Tal und mit dem nahgelegenen Fluss zu tun. Ich habe vor der Erstellung meiner Arbeit mehrere Male den Ort besucht und ihn auf mich wirken lassen, um Inspiration zu erhalten. Der Ort hat also einen direkten Einfluss auf meine Installation.

NH:Hast du das Gefühl, dass die Reaktion des Publikums bezüglich deiner Arbeit auch von dem Ort abhängt an dem du ausstellst? Sind die Reaktionen in Paris anders als die in Berlin?

IA:Um noch einmal zu deiner vorherigen Frage zurückkommen zu dürfen: In den USA leben Menschen vieler Ethnien und sehr viele aus Mexiko in bereits dritter Generation. Die Installation ist inspiriert von dieser Vielfalt.
Jetzt zu deiner Frage über die Reaktionen des Publikums. Die sind natürlich immer unterschiedlich. Ich habe viel in Europa, in Amerika und Südamerika und auch einige Male in Asien und Afrika ausgestellt. In Südamerika haben wir eine sehr wild gemischte Kultur bestehend aus europäischem und indigenem Ursprung. Ich bin mir sehr bewusst darüber, dass ich meine Arbeit in einer Form auch an den kulturellen Ursprung des Landes anpassen muss. Damit möchte ich es niemandem Recht machen, aber ich möchte bewusst in einen Dialog treten mit den Menschen an dem Ort an dem ich bin.

NH:Inwiefern war die Desert X Ausstellung eine Chance für dich als Künstler?

IA:Es ist eine Chance für mich, weil es mich herausfordert. Herausfordernd aufgrund der Bedingungen in der Wüste. Der Wind, die Erde, die Trockenheit und die Sonne. Es sind eben andere Einwirkungen, die von außen kommen; anders als in einem Museum.
Du musst den richtigen Platz finden, die richtigen Leute, musst dir Genehmigungen einholen. Es war gleichermaßen eine Chance, als auch eine Möglichkeit für mich viel zu lernen. Die Installation ist immerhin so groß wie ein ganzes Fußballfeld.

NH:Was genau hast du Neues gelernt?

IA:Ich habe viel über mich selbst gelernt, über die Zukunft und darüber wie man mit Menschen zusammenarbeitet. Ich bin dankbar darüber, dies geschafft zu haben. Es gab Momente in denen ich dachte, dass es nicht möglich sei. Aber das gesamte Team war davon überzeugt, dass wir es schaffen werden und am Ende war es dann auch so.

NH:UGG hat dich bei deinem Projekt unterstützt. Wie kam es dazu?

IA: Das war nur wenige Wochen vor der Fertigstellung der Installation. Zu diesem Zeitpunkt war das Arbeiten an dem Projekt sehr mühsam und verlief nur schleppend. Zudem war die Installation auch recht kostenaufwendig. Als dann aber die Zusammenarbeit mit UGG zustande kam verlief alles sehr schnell. Von daher denke ich, dass es toll ist, wenn sich Unternehmen künstlerischer Projekte annehmen und sie möglich machen.

NH:Stellt Mode manchmal auch eine Inspiration für dich dar?

IA: Ich lebe in Paris und bin von daher umgeben von Mode. Ich beobachte Mode, würde mich selbst aber nicht als modische Person bezeichnen. Ich verfolge die Arbeiten von Modedesignern, wie zum Beispiel Alexander McQueen und Maison Margiela. Ich finde die Weise, wie sie ihre Arbeit und Ideen entwickeln sehr interessant; vielleicht beeinflussen sie mich auch in einer Weise.
Mir gefällt es besonders, wenn Mode Statements setzt.

NH:Du bist inspiriert von Politik, gesellschaftlichen Themen und Geschichte. Warum ist das so wichtig für dich?

IA:Ich komme aus einer sehr politischen Familie und politische Themen waren immer ein Thema bei familiären Zusammenkünften. Was die politische Lage angeht ist Kolumbien ein schwieriger Ort. Hier herrscht viel Spannung und viele Extreme. In einer Form sind wir doch alle politisch. Politik bedeutet für mich nicht nur Wahlen, sondern die Art wie wir in einer Gesellschaft leben.

NH:Das sehe ich auch so.

IA:Und Kunst gehört für mich genau so dazu. Die Art wie man in einer Kultur zueinander steht ist immer sehr inspirierend für mich. Alles hängt miteinander zusammen.

NH:Es gibt keine Möglichkeit nicht politisch zu sein.

IA:Es gibt kein Entkommen von Politik.

NH:Richtig. Deine Installation „Point of view“ erinnert mich ein wenig an Fragmente von Pyramiden. Warum hast du dich für diese zeitlose Form der Installation entschieden?

IA:Von Anfang an war meine Intention eine Ebene zu errichten, die einem eine andere Sichtweise auf die Landschaft bieten kann. Ich habe schon oft Installationen zu urbaner Landschaft entwickelt. Mein starkes Interesse gilt vor allen Dingen des öffentlichen Raums, Wahrzeichen und Statuen. Gleichzeitig bin ich auch gebannt von der Art wie wir zu Geschichte stehen.

NH:Und architektonisch?

IA:Architektonisch sollte es eine Mischung aus moderner Architektur, Brutalismus und eine Art Pre-Kolumbianischer Ära sein. Wie zum Beispiel die Teotihuacan Pyramide in Mexiko. Es sollte also eine Mischung aus Ruine und moderner Konstruktion werden.

NH:Es erinnert mich auch einen Tempel – einen Maya Tempel.

IA:Ja, richtig. Durch die Anlehnung und Erinnerung kann nämlich eine sentimentale und intellektuelle Beziehung zu dem Ort und der Landschaft hergestellt werden. Das war meine Idee.

NH:Eine andere Interpretation meinerseits: Die geschriebenen Worte auf den Stufen sind wie Gedichte. Wie stehen die weichen Worte in Verbindung mit der brutalistischen Architektur der Installation?

IA:Die Worte auf den Stufen sind tatsächlich sanft gemeinte Worte, die einen beim Lesen an jemanden erinnern sollen, den man liebt. Ich wollte damit eine abgesoftete Form von Kritik ausüben.

NH:Die Worte sollten anziehend wirken?

IA:Ja genau, ich wollte damit nicht nur pure Konfrontation auslösen, sondern gleichzeitig auch eine anziehende Wirkung ausstrahlen. Es kann nämlich sehr enttäuschend sein, wenn Menschen sich nicht auf deine Arbeit einlassen können oder wollen, weil es sie nicht anzieht oder sie keinen Bezug dazu aufbauen können. Das ist der Grund warum ich diese sensible und sentimentale Methode gewählt habe.

NH:Wie wichtig ist es für dich, dass das Publikum auch auf eine physische Weise Kontakt zu deiner Arbeit aufnimmt?

IA:Ich denke, dass auch Kunst eine Erfahrung sein sollte, die man erlebt. Wenn man auf sensorische Weise mit etwas in Kontakt kommt, kann das auch den Kontakt auf intellektuelle Weise anregen. Für mich geht es in der Kunst nicht nur um Ideen und Intellektualität, sondern auch um Zugänglichkeit.

NH:Wie würdest du „A point of view“ in drei Worten beschreiben?

IA:Nachdenklich, sensibel, erfahren.

 

Interview: Rina Kasumaj
Bilder: PR

 

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