I’m Miss Fame

04.06.2019, Allgemein
 
04
 

Aufgewachsen auf einer Farm im ländlichen Kalifornien hat sich Kurtis Dam-Mikkelsen alias Miss Fame durch naturgegebene Schönheit, eiserne Disziplin und äußerster Willenskraft an die Glamourspitze der New Yorker Fashion Society vorgearbeitet. Stardesigner Marc Jacobs und die lebende Drag-Legende RuPaul halfen bei der Krönung der berühmtesten Drag Queen der Welt.

Als Miss Fame zum verabredeten Skype- Interview den Anruf annimmt, ist statt ihres Bildes nur ihre Stimme aus dem Laptop wahrnehmbar. „Tut mir leid, ich bin heute nicht vorzeigbar“, sagt sie. Es sei dem derzeit wohl erfolgreichsten Drag- Star der Welt verziehen. Denn für Miss Fame, oder besser gesagt Kurtis Dam- Mikkelsen, gibt es eben nur ganz oder gar nicht. Keine halben Sachen. Nur so war es möglich, dass Miss Fame als Gesicht einer neuen Generation von Drag Queens ihre Kunst gegen alle Widerstände in den Mainstream schaffte. 

Hühner sind die Lieblingstiere von Kurtis Dam-Mikkelsen. Der Grund dafür liegt in seiner Kindheit. Er wächst bei seinen Großeltern auf einer Farm in Kalifornien auf. Von außen betrachtet durchlebt Kurtis die klassische Lebensgeschichte späterer Drag Queens: Er ist ein kleiner Junge, der weiß, dass er nicht in das Umfeld passt, in das er geboren wurde. Seine Familie jubelt Baseball-Spielern zu, er hingegen verkriecht sich zum Zeichnen. „Ich habe rebelliert, aber nicht direkt gegen meine Großeltern. 

Ich war einfach so komplett anders, dass sie nicht wussten, wie sie mit mir umgehen sollten“, sagt Kurtis heute. „Aber es war für mich keine Option, mich selbst zu verleugnen.“ Auf dem Land gibt es wenig, was die Fantasie des kleinen Kurtis anregt, außer vielleicht den Modemagazinen, die beim Friseur ausliegen. Darin entdeckt er die Bilder der 90s-Supermodels – starke Frauen auf High Heels und mit auftoupierten Haaren, denen die Welt zu Füßen liegt. Es sind Bilder, die sich für immer in Kurtis’ Gedächtnis brennen. „Ich fragte mich: Was wäre, wenn ich selbst so schön sein könnte?“ 

Image and video hosting by TinyPic

Kaum volljährig, zieht es Kurtis von der Hühnerfarm in die große, weite Welt. Er lässt sich in einem Vorort von San Francisco nieder, arbeitet als Model und Make-up-Artist. „Ich konnte Schminke tragen und in Schwulenbars gehen – zum ersten Mal ohne die Sorge, dafür verurteilt zu werden“, erzählt er. „Davor hatte ich Angst, anzuecken. Vor allem bei meinem Großvater. Ich erinnere mich, wie schockiert er war, als ich mein Haar eines Tages platinblond färbte. Allein dadurch zeigte ich mehr von meiner Persönlichkeit, als es die Menschen um mich herum je gewagt hätten.“ Kurtis bleibt so lange in Kalifornien, bis ihm ein Fotograf nahelegt, nach New York zu ziehen. Er zögert keinen Moment. Wie für so viele Menschen, die wissen, dass mehr in ihnen schlummert, als sie zeigen dürfen, ist die Stadt sein Sehnsuchtsort. 

Als frisch angekommener New Yorker arbeitet Kurtis tagsüber als Verkäufer in einer Filiale des Kosmetikherstellers MAC. In der Nacht taucht er in die queere Szene der Stadt ein. „Ich spürte schon damals Miss Fame in mir, aber sie war noch unfertig“, erinnert er sich. „Ich zog durch die Clubs und trug das Make- up einer Frau, aber die Kleidung eines Mannes. Trotzdem begegneten mir die Menschen freundlich. Ich wusste, ich hatte meinen Platz gefunden.“ Die Clubs von New York sind seit jeher mehr als Orte des Feierns. Sie sind Auffangbecken für Gestrandete, Räume der Freiheit und des Experimentierens. Innerhalb dieser Welt sind Drag Queens die Mütter verlorener Söhne, die ihre Elternhäuser verlassen mussten, um sie selbst zu werden. Die Drag Queens, die Kurtis in den Clubs sieht, erinnern ihn an die Supermodels, die er als kleiner Junge bewunderte. Er will zu ihnen gehören.

Bald tritt er zum ersten Mal als Miss Fame auf eine Bühne. „Ich lernte einen Designer kennen, der mich für meinen ersten Auftritt ausstattete und ich beherrschte die Kunst des Make-ups – das verschaffte mir von Anfang an Aufmerksamkeit.“ Rasch übernimmt Miss Fame einen großen Teil von Kurtis’ Leben. Er bewirbt sich bei einer Sendung, die inzwischen Geschichte geschrieben hat – Ru Paul’s Drag Race. Ein Schritt, der sein Leben für immer verändert. 

Drag ist die Kunst, eine Person des anderen Geschlechts zu mimen – ohne dabei mit der eigenen Geschlechtsidentität zu hadern. Ein Mann, der als Drag Queen auftritt, fühlt sich – anders als ein transsexueller Mann – nicht fremd im eigenen Körper. Er hat vielmehr erkannt, dass in ihm auch eine weibliche Persönlichkeit schlummert, die es auszuleben gilt. Männlich und weiblich sind zwei Seiten derselben Münze und wie streng diese Seiten voneinander getrennt sind, ist jedem Menschen selbst überlassen. Drag Queens sind seit jeher die sichtbarsten, schillerndsten Gesichter der queeren Szene. Sie waren die Vorreiter, die Wege erkämpften, auf denen Andere gehen konnten. Ihnen schlug die größte Faszination, aber auch der größte Hass entgegen. Und so war es ein Wunder,
dass es in den 1990er-Jahren ein junger Mann namens Andre Charles, später bekannt als Ru Paul, schaffte, sich in Amerikas Medienwelt und Öffentlichkeit zu etablieren. Ein noch viel größeres Wunder war es, dass Ru Paul 2018 in Hollywood als erster Drag-Performer seinen eigenen Stern auf dem Walk of Fame enthüllte – eine der größten Ehren, die einem Künstler im amerikanischen Showbiz zuteilwerden kann. 

Wie Kurtis wuchs Andre Charles in Verhältnissen auf, die mit Glamour nicht viel zu tun hatten. Wie bei Kurtis waren es Magazine, die ihm eine andere Welt zeigten. „1968, also vor genau 50 Jahren, lag ein Heft in unserem Briefkasten, auf dessen Cover Barbarella abgebildet war. Ich verbrachte Stunden damit, ihre Pose nachzuahmen“, erzählte er bei der Enthüllung seines Sterns. Er war fasziniert von dem Bild der starken Frau, der Kämpferin, die der Welt im Metallharnisch und mit blonder Wallemähne gegenübertrat. Und wie auch Kurtis träumte Andre Charles davon, es ihr gleich zu tun. Er zog nach New York und erfand sein Alter Ego, Ru Paul, die bis heute berühmteste Drag Queen der Welt. Der Durchbruch gelang ihm mit dem Song Supermodel (You better work), der es aus dem Underground in die Charts schaffte.
Es folgten Fernsehauftritte, eigene TV-Shows und Werbeaufträge. Ru Paul arbeitete wie ein Supermodel – mit dem Unterschied, dass er zugleich eine Drag Queen war. Sein Verdienst kann nicht hoch genug geschätzt werden – er machte Amerika und die ganze Welt vertraut mit dem Anblick von Männern in Frauenkleidung. 

Image and video hosting by TinyPic

Der Höhepunkt seiner Karriere kam für Ru Paul 2008: Er startete eine Show unter dem Titel Ru Paul’s Drag Race. Man muss es sich in etwa so vorstellen wie Germany’s Next Topmodel – Wettbewerber treten in aberwitzigen Challenges gegeneinander an, es gibt Laufstegauftritte und Performances. „May The Best Woman Win“, verkündet Ru Paul zu Beginn jeder neuen Prüfung. Niemand konnte absehen, was für ein Erfolg die Sendung werden würde. Inzwischen läuft sie nicht mehr nur im amerikanischen TV, sondern auch auf Netflix. Rund um die Welt gibt es zu jeder neuen Folge Public Viewing Events. Die Teilnehmer der Show werden nicht selten zu Stars, treten auf roten Teppichen auf. Ihr spezifischer Slang hat sich in unser aller Alltag eingeschlichen. You better work! Die Werq-The-World-Tour, bei der die Kandidaten einer Staffel zusammen auftreten, füllt rund um die Welt Hallen, in denen sonst Popstars auftreten. Eine der erfolgreichsten Figuren, die die Sendung hervorgebracht hat, ist Miss Fame. 

Für Miss Fame ging es nach der Teilnahme an Ru Pauls’s Drag Race steil bergauf. Obwohl sie nicht den ersten Platz belegte. Dennoch hat Miss Fame heute beinahe eine Million Instagram-Follower und ist eine der wenigen Drag-Performer, die einen Vertrag mit einem großen Kosmetik- konzern abschloss. Sie nimmt bei Fashion Weeks in der ersten Reihe Platz, gilt als Muse von Marc Jacobs. Während Ru Paul Drag Queens in der Werbewelt akzeptabel machte, ist Miss Fame das Gesicht einer neuen Generation. Diese Generation muss nicht mehr darum kämpfen, „stattfinden“ zu dürfen. Vielmehr bringt sie Drag in den Mainstream. Miss Fames Vertrag mit L’Oréal und ihre Präsenz in Hochglanzmagazinen zeigen: Eine Drag Queen wird heute für geeignet gehalten, ein Massenpublikum anzusprechen. Die Grenzen zwischen den Geschlechtern verschwimmen und dafür braucht es neue Vorbilder und Werbeträger. 

View this post on Instagram

Twinning with @bellahadid at last nights wedding of the year. Now I’ve been told a few times that there’s an obvious resemblance and I might add, its uncanny. What a night! #MissFame #bellahadid #marcandcharswedding

A post shared by Miss Fame (@missfamenyc) on

Warum Miss Fame im Gegensatz zu anderen Teilnehmern von Ru Paul’s Drag Race zu einer so erfolgreichen Figur wurde, lässt sich allerdings mit einem altbekannten Prinzip erklären: Sie sah am besten aus. Es gibt in der Show Kandidaten, denen man ohne Schminke anmerkt, was sie durchgemacht haben und aus welchen prekären Verhältnissen sie stammen. Doch Miss Fame wirkt auch als Kurtis bezaubernd. Dank feinen Gesichtszügen und perfekt aufgetragenem Make-up entsteht aus ihm eine Schönheit, die so immens ist, dass sie den Betrachter sprachlos macht. Hinzu kommt: Genauso wie die Supermodels der 90er-Jahre, die Kurtis als kleiner Junge bewunderte, ist Miss Fame nicht nur wunderschön, sondern auch diszipliniert und über alle Maßen geschäftstüchtig. Sie arbeitet nach derselben Erfolgsformel, die schon Claudia und Cindy ans Ziel brachte – abseits der Bühne lebt er bodenständig. Mit Ehemann und zwei Dackeln – Mina und Shaya. Sein Alltag besteht aus Gassigehen, Laser-Behandlungen gegen den unerwünschten Bartwuchs und gesunder Ernährung. Auf der Bühne wird Miss Fame künftig nur noch selten zu sehen sein. Kürzlich schloss Kurtis einen Vertrag mit der weltweiten Modelagentur IMG ab und will sich, wie er es ausdrückt, fortan ganz „der Schönheit“ widmen. 

So groß der Erfolg auch ist, Kurtis weiß: „Ru Paul hat den Weg geebnet, aber es braucht noch immer Überzeugungskraft, um den Leuten klar zu machen, dass ein Mann in Frauenkleidern kein Clown ist.“ Auch heute schlagen ihm Vorurteile entgegen. Wie er sie erträgt: „Wenn ich das Make-up und das Outfit von Miss Fame anlege, spüre ich, wie ich mich wandle. Meine Sprache und meine Körperhaltung verändern sich. Wenn
Miss Fame die Oberhand hat, ist Kurtis wie ein Kinobesucher, der ihr zusieht und nebenbei Popcorn isst.“ Das wichtigste aber ist: „Niemand würde sich trauen, sich Miss Fame in den Weg zu stellen.“ 

 

Text: Ann-Kathrin Riedl, Fotos: Marcus Cooper, Styling: Lisa Jarvis, Haare: Evanie Frausto, Set-Design: Taylor Horne, Maniküre: Riwako, Fotoassistenz: Cody Like 

Dieser Beitrag erschien in der vierten Ausgabe der Numéro Berlin #AMAZONEN. 

EASTPAK X DICKIES

Numéro Berlin zeigt per Livestream die Runway Show zur Prada Man Fashion Show SS/20 Kollektion. In Paris zeigt Prada heute um …

Livestream 6. Juni 19:30 Uhr: PRADA Man Fashion Show SS/20

Numéro Berlin zeigt per Livestream die Runway Show zur Prada Man Fashion Show SS/20 Kollektion. In Paris zeigt Prada heute um …