Interview: Karla Otto

25.06.2019, Allgemein Kultur Mode
 
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BEWEGUNG IST LEBEN. Karla Otto zählt zu den mächtigsten Frauen der Fashionwelt. Weil sie Jil Sander überzeugte, ihre Kollektionen auf dem Laufsteg in Mailand zu zeigen, wurde das Label der Hamburgerin zur Weltmarke. Sie leitete die Pressearbeit von Prada und gründete eine international agierende PR-Agentur. Das Erfolgsrezept: ein geschmackssicherer Blick für starke Visionen. Denn die bedeuten Fortschritt.

 

 

Hendrik Lakeberg: Hat sich deine persönliche Einstellung zur Mode im Laufe deines Lebens geändert?

Karla Otto: Als ich Mode und die verführende Kraft von Stil entdeckt habe, war ich gebannt.

L: Inwiefern?

O: Mode hat die kulturelle Landschaft der 1980er maßgeblich beeinflusst. In der Zeit habe ich angefangen. Was mich angezogen hat und es immer noch tut, ist der unstillbare Hunger der Mode nach Sprachen. Mode ist wie ein Radar,zeigt alles an, was rundherum passiert. Sie bewegt sich schnell. Es ist ein spannendes Feld zum Handeln.

L: Du bist von Bonn in einem relativ jungen Alter nach Japan gezogen.In Retrospektive: was hast du aus dieser Erfahrung mitgenommen?

O: Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, offen gegenüber anderen Kulturen zu sein. Flexibilität ist essentiell. Das war etwas, das ich ziemlich früh gelernt habe und was nicht nur auf die Arbeit anwendbar ist.

L: War Kleidung und Mode in deiner Familie wichtig?

O: Nicht wirklich.

L: Kommst du häufiger nach Deutschland und Bonn zurück?

O: Ja, ich komme häufig nach Bonn und in andere deutsche Städte. Deutschland lässt mich heimisch fühlen.

L: Auch Jil Sander? Hat es dich zu Beginn deiner Karriere auch gereizt, mit ihr zusammenzuarbeiten, weil sie eine deutsche Designerin war?

O: Ich mochte ihre unermüdliche Vision des runtergebrochenen Luxus. Dass sie deutsch war, war dabei nebensächlich. Ihre Perspektive hat mich angesprochen. Die perfekte Balance zwischen Luxus, Kraft und Untertreibung.

L: Du hast Jil Sander damals überzeugt, ihre Kollektionen mit Laufsteg-Shows in Mailand zu zeigen. Das wollte sie bis dahin par tout nicht. Wie ist dir das gelungen?

O: Jils minimalistische Vision war so streng, dass die Gefahr bestand, dasssie auf dem Laufsteg verschwinden würde. Ich habe ihr gesagt, dass der Laufsteg ihre Vision durch die Bewegung in die vierte Dimension bringen würde. Bewegung bedeutet Leben.

L: War es bei der Zusammenarbeit mit Jil Sander für dich auf irgendeine Art und Weise wichtig, dass sie eine Frau war?

O: Nicht in der Hinsicht, dass es eine bewusste Entscheidung war, deshalb mit ihr zu arbeiten, aber habe ich mich wohler gefühlt? War es einfacher, eine Bindung einzugehen? Die Verbindung basierte auf der entsprechenden Vision und dem starken ästhetischen Sinn. Jil Sander und Miuccia Prada, mit der ich im Anschluss eng zusammengearbeitet habe, waren Frauen, die der Frauenmode eine persönliche Note verliehen haben. Daran war ich war interessiert.

L: Muss eine Frau auch in der Modewelt mehr um Anerkennung und Erfolg kämpfen als ein Mann?

O: Ehrlich gesagt denke ich nicht in diesen Mustern, vor allem, weil die Modeindustrie schon immer ein offener Ort für Frauen war. Wir müssen sicherlich hart arbeiten, so wie jeder andere auch.

L: Glaubst du, dass eine Frau eine Firma anders leitet, als es ein Mann tun würde?

O: Ich denke, dass es immer etwas Persönliches ist, wie jemand eine Firma leitet. Frauen können wahrscheinlich weicher und immer noch sehr fordernd sein, im Vergleich zu Männern. Das kann aber auch alles nur ein Klischee sein. Ich kann auch bei der Auswahl meiner Klienten nicht auf Grund des Geschlechts urteilen. Ich bin an Vision und Talent interessiert. Wir sollten nach Visionen Ausschau halten, nicht nach Statistiken. Nur das bedeutet Fortschritt. Zu versuchen, politisch korrekt zu sein, kann eine Falle sein. Eine dumme Falle.

L: Wer würdest du sagen, sind die Modemacher, die im Moment für eine moderne, starke Frau designen?

O: Ich mag es nicht, Namen zu nennen, weil es so viele Designer gibt, die mit ihrer Arbeit den Frauen Kraft verliehen haben. Ich würde sagen, dass Phoebe Philo bei Céline ein wunderbares Beispiel war, das mittlerweile Vergangenheit ist.

L: Glaubst du, dass es eine Tendenz in der Modewelt gibt in Richtung einer stärkeren, emanzipierten Frau? Sowohl im Sinne des Designs als auch der Darstellung der Frau?

O: Absolut. Ich denke, das ist ein Moment für starke, mächtige, bewusste Weiblichkeit – beinahe wie in den 1980ern, nur mit einer weicheren Kante.

 

Interview: Hendrik Lakeberg
Foto: Diego Diaz

 

Dieser Artikel erschien in der vierten Ausgabe der Numéro Berlin #AMAZONEN.

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