Der Anti-Speer

25.07.2019, Architektur
 
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Ein Potrait über den Architekten Hinrich Baller.

Gebogene Balkonschalen aus Beton, Geländer in der Farbe von oxydiertem Kupfer vor großzügigen Verglasungen –Hinrich Ballers Wohnvisionen fallen auf im westlichen Gesicht der Hauptstadt. Als Vertrauensarchitekt der Besetzerszene rettete er Altbauten und schuf Häuser, aus denen nicht mehr auszieht, wer dort einmal wohnt. Über einen Entwerfer und sein Leben zwischen Loft und 1000er BMW.

Weltweit erlangen Stararchitekten Ruhm mit Prestigebauten aller Art: Stadien, Opernhäusern und Konzertsälen, Museen oder Flughäfen. Sozialer Wohnungsbau zählt nicht dazu. Doch genau damit ist Hinrich Baller weit über West-Berlin hinaus bekannt geworden. Ballers Architektur gilt als eine kritische Antwort auf den Machbarkeitswahn der 60er-Jahre, dem in manchen Städten mehr Straßenzüge und Häuser zum Opfer fielen als dem Bombenhagel der Alliierten.

Als junger Assistent an der Technischen Universität Berlin organisierte er gemeinsam mit anderen Architekten im Revoltenjahr 1968 die kritische Ausstellung Diagnose zum Bauen in West-Berlin. Unter großem öffentlichen Interesse zeigte sie Missstände der Planungen in den monostrukturellen Stadtrandsiedlungen wie dem Märkischen Viertel auf und griff damit direkt die Platzhirsche seiner Zeit an. In Berlin und in Hamburg wurde er zum Vertrauensarchitekten der Besetzerszene. Er begleitete in den 80er-Jahren die Bewohner der Häuserzeile an der Hamburger Hafenstraße. Die Häuser sollten wegen „Unbewohnbarkeit“ abgerissen werden. Der Häuserkampf tobte Jahre. Die Zeile steht noch heute, prominent als eine der letzten aus der Gründerzeit über dem Hamburger Hafen.Am Kreuzberger Fraenkelufer betreute Baller zwei Häuserblöcke. So entstand dort im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 1987 die legendäre Brandwandbebauung mit den Torhäusern, ein behutsamer Eingriff in die bestehende Struktur, die ihn letztlich berühmt machen sollte. Und nicht nur ihn. Über sein Werk spricht Hinrich Baller stets in der ersten Person Plural, und würdigt so, dass seine Bauten immer in Kollaboration mit seinen Partnerinnen entstanden: bis 1989 mit seiner ersten Frau Inken Baller, später mit seiner zweiten Frau Doris.

Hinrich Baller ist eine Erscheinung. Man erkennt den fast zwei Meter großen Architekten mit den (inzwischen weiß gewordenen) langen Haaren schon seit den 1960er-Jahren an den weit aufgeknöpften Hemden. Mode gehöre schließlich auch zum Fach, meint er und zeigt auf seine Louis-Vuitton-Schuhe, die er zu einer weißen Hose und dem ebenfalls weißen, offenen und nur lose vor dem Bauchnabel geknotetem Hemd trägt. Besuch empfängt Hinrich Baller im Galerieraum seiner Dachgeschosswohnung mit Blick über den Lietzensee im Berliner Westend. Hier hat er sich eine Wohn- und Arbeitswelt auf 500 Quadratmetern geschaffen.

 

Die Badewanne steht neben einem Schreibtisch, Büro und Wohnung gehen ineinander über, aus der Etage darüber kann man in die Dusche hinabschauen. „Was wir gebaut haben, wird in der Regel geliebt, das kann man nicht von allen Gebäuden sagen.“ Wer einmal in einem Ballerhaus wohnt, zieht so schnell nicht wieder aus. Bewohner schätzten die offenen, luftigen Grundrisse und die großen Balkone. Ein Held will Baller nicht sein: „Mit Heldentum verbinde ich nichts Positives,“ sagt der 1936 geborene Architekt und ergänzt: „In der Musik gibt es auch keine Helden.“ Heroische Architektur, das ist für ihn die Architektur des Hitler-Vertrauten Albert Speer, der stets die Macht der Masse über das Individuum stellte. Ballers Bauten sollen dagegen den einzelnen Menschen groß machen und ihn in seiner ganzen Emotionalität ansprechen. Baller war neun Jahre alt, als der Krieg zu Ende ging. Sein Vater, selbst Architekt und einst Schüler des Architekturexpressionisten Hans Poelzig, war gefallen.

Gemeinsam mit zwei Schwestern wuchs er im Berlin der Nachkriegsjahre bei der Mutter, einer Pianistin, auf. Er begann ein Musikstudium, brach ab, entdeckte die Architektur. Nach der Uni gründete er ein eigenes Büro und wurde später als Professor an die Hochschule für Bildende Künste in Hamburg berufen. Zeitgenossen und Wegbegleiter werden emotional, wenn sie über Hinrich Baller sprechen sollen. Und zu erzählen gibt es viel. Über seine Kleidung, seine Auftritte mit dem Motorrad, seine Frauen und seine Beliebtheit bei seinen Studenten. Ein ehemaliger HFBK-Student erinnert sich an Ballers voll verglastes Büro mit Blick über ganz Hamburg. „Dort saß er mit Skizzenrolle an einem runden Tisch, kommentierte studentische Entwürfe, um ihn herum ein Duzend Hippiemädchen in Flatterkleidern“. Das Arbeiten bei dem Hochschullehrer aus Berlin galt als frei und unverschult, die jungen Architekten waren beeindruckt von seiner Art, dem selbstbewussten Auftreten. Die fast kulthafte Verehrung erreichte ihren Höhepunkt, wenn Absolventen den Baller-Style in ihren Abschlussarbeiten noch zu übertrumpfen versuchten. Bei aller Bescheidenheit– Baller weiß um seinen Ruf: „Früher kannte mich jeder Taxifahrer in Berlin und noch heute werde ich auf der Straße erkannt“, erinnert sich der 82jährige, der selbst keinen Autoführerschein besitzt. Stattdessen fährt er eine BMW S 1000 RR. Damit geht es, seine Frau auf dem Sozius, zu Terminen oder in den Urlaub. Das Ballersche Werkverzeichnis ist riesig. Die ersten Bauten entstanden in der Schweiz und in Westdeutschland Ende der 60er-Jahre. Sein Stil entwickelte sich erst mit der Zeit. Das erste als typischer Baller-Bau erkennbare Berliner Haus ist das zwei Straßenfluchten verbindende Wohn- und Geschäftshaus in der Lietzenburger Straße. Die Fassaden sind geprägt von gebogenen Balkonschalen und filigranen Geländern in der Farbe von oxydiertem Kupfer vor gro.zügigen Verglasungen. Oft bemühte Vergleiche mit Friedensreich Hundertwasser, Antoni Gaudí oder Rudolf Steiner bleiben oberflächlich. Sie reduzieren die Häuser auf das Äußere. Es ist vor allem die innere Struktur, die Ballers Werk ausmacht.

 

Baller reizte die Regelungen im sozialen Wohnungsbau aus, um möglichst viel Wohnfläche zu schaffen. Mit konstruktiven Tricks und geringem Materialeinsatz entstanden so gro.zügigste Wohnungen auf wenig Fläche. Er realisierte Entwürfe auf zuvor als unbebaubar geltenden Grundstücken, wie etwa die Eckhäuser in der Charlottenburger Nithackstraße. Oder zeigt an anderer Stelle einen alternativen Umgang mit der fragmentierten Stadt. Die Wohnhausbebauung und eine Schulerweiterung am Schöneberger Winterfeldtplatz etwa realisierte er im Auftrag einer Bürgerbewegung als Gegenvision zur berlintypischen steinernen Kante und dem Massenwohnungsbau der Zeit.Während andere namhafte Architekten der Zeit wie Aldo Rossi oder Rob Krier in Berlin postmoderne Fassadenmit vergleichsweise konventionellen Grundrissen entwarfen, schufen die Ballers bei gleichem Budget im gemeinnützigen Wohnungsbau große helle Wohnungen mit innovativen Grundrissen. Was heute an sozialem Wohnungsbau entsteht, empfindet Baller als „krümelhaft klein“. Aktuelle Architekturdiskurse interessieren ihn nicht. Den Star der Szene, Arno Brandlhuber, selbst ein Meister im Spiel mit Bau-Normen, kennt Baller gar nicht erst. Natürlich weiß er, dass die Situation in den 80er-Jahren eine andere war. Damals gab es einen Überschuss an Wohnraum und die Investoren mussten attraktive Angebote schaffen, um die Wohnungen überhaupt vermieten zu können.

Der singuläre Baller wirkt in der glattgebügelten Architektenszene wie aus der Zeit gefallen. Dabei ist sein unverwechselbarer Stil zu einer eigenständigen Marke geworden: Fast jeder in Berlin kennt die Ballerhäuser. Nicht wenige haben sie lange Zeit belächelt. Inzwischen wirken seine Bauten aber wieder erstaunlich aktuell.

Text: Luise Rellensmann, Portraits: Magnus Petterson

Dieser Beitrag erschien in der neunten Ausgabe der Numéro Homme Berlin #Helden.