Im Interview: Guy Botham

30.09.2019, Interview
 
30
 

Youthifying:

Das Special Effects Studio Vitality Visual Vfx dreht das Rad der Zeit zurück. CEO Guy Botham erklärt, wie in Hollywood Computersoftware Schauspieler jünger aussehen lässt

Special Effects – darunter verstand man lange Zeit explodierende Raumschiffe und wuselnde Ork Armeen. Heute sind die verblüffendsten Effekte unsichtbar. Wer in den letzten Jahren einen Blockbuster sah, ist mit großer Sicherheit getäuscht worden, ohne es zu merken. Makeup, Botox, Steroide und Schönheits-OPs waren gestern. Die Hollywood Stars von heute legen sich unters digitale Messer. Artificial Beauty und Body Shaping heißen die Zaubertechniken, mit denen in der post-production Kiefer breiter, Muskeln definierter und Haut weicher wird. Pickel verschwinden mit einem Klick. Moderne Bildbearbeitungssoftware macht Schauspieler nach Belieben älter oder jünger. Hochleistungsprogramme wie Flame– eine Art Photoshop für bewegte Bilder – zaubern schmalere Hüften, feinere Poren, weißere Zähne und festeres Haar. Oder ersetzen den Schauspieler gleich ganz, durch ein digitales Double.Der Trend zur Nachbearbeitung selbst unscheinbarer Szenen ist nicht nur der Eitelkeit der Stars geschuldet, sondern auch der immer besseren Bildqualität. Im Zeitalter von 4K Ultra-high definition werden kleinste Hautunreinheiten sichtbar. Auf Beauty Work spezialisierte Studios lassen sie wieder verschwinden. Selten sind die Eingriffe so offenbar wie in Der seltsame Fall des Benjamin Button, jener Verfilmung eines Romans von F. Scott Fitzgerald, in der Brad Pitt vor den Augen des Zuschauers alle Alterstufen vom Baby bis zum Greis durchläuft – rückwärts. Das Filmbusiness hält sich bedeckt. Studios,die kosmetische Postproduktion anbieten, scheuen das Licht der Öffentlichkeit. Werden sie angeheuert, müssen oft alle Seiten Non disclosure agreements unterzeichnen– nichts von den unsichtbaren Manipulationen soll nach außen dringen. Den digitalen Retuschetechniken haftet noch immer der Ruch des Zuschauerbetrugs an. Künstlich verschönerte Stars sprechen ebenso ungern über das Geheimnis ihrer neu erblühten Jugend wie über ihren letzten Aufenthalt in der Betty Ford Klinik. Die Platzhirsche von Lola Visual Effects und Hydraulx wollten uns keine Interviews geben. Doch eine kleine Agentur mit Sitz in Los Angeles und Vancouver erklärte sich zum Gespräch bereit. Die Gründer von Vitality Visual Vfx hatten bereits bei Benjamin Button und Avatar ihre Finger im Spiel, bevor sie sich mit ihrem eigenen Studio auf Youthifying spezialisierten – dem gezielten Verjüngen von Darstellern. Seit seiner Gründung 2014 war Vitality verantwortlich für die Special Effects bei The Revenant(2015), Wonder Woman(2017) oder der Science Fiction Serie Stranger Things. Im Herbst 2018 erscheint das Fantasy Adventure Mowgli mit Christian Bale und Benedict Cumberbatch in den Hauptrollen, bei dem Vitality Visual FX für die Postproduktion verantwortlich war. CEO Guy Botham ist 54 Jahre alt. Er erzählt im Interview, wie Beauty Work funktioniert, warum es wahre Schönheit nur im echten Leben gibt und wieso er mit den Namen seiner Kunden keine Werbung machen darf.

Airen: Mr. Botham, ihr kleines Studio mischt bei so großen Produktionen wie Wonder Woman oder Stranger Things mit. Was machen Sie dort eigentlich genau?

Guy Botham: Wir machen kosmetische Arbeit. Wir lassen Menschen jünger aussehen, wenn es für den Film oder das beworbene Produkt sinnvoll ist. Ein typisches Beispiel sind Flashbacks: Szenen, die in der Vergangenheit spielen und bei denen wir Schauspieler schon mal um dreißig Jahre jünger machen.

A: Also eine Art digitaler Facelift.

GB: Es geht nicht allein darum, Falten wegzuretouchieren. Wenn wir älter werden, verändert sich nicht nur unser Körper, sondern ganz besonders das Gesicht. Die Schläfen und die Wangenknochen verlieren an Fett. Die Stirn wird schmaler, die untere Gesichtspartie dafür etwas breiter. Entlang des Kiefers beginnt die Haut zu hängen. Wenn man nur die Falten entfernt, erhält man ein Gesicht, das makellos fake aussieht. Der Zuschauer bemerkt das sofort. Also gleichen wir auch die Form des Gesichts an das gewünschte Alter an.

A: Ihre Konkurrenten von Lola Visual Effects sollen angeblich sogar einen Schönheitschirurgen beschäftigen, um den Geheimnissen des Alterns auf die Schliche zu kommen.

GB: Ich kann nicht sagen, wie man bei Lola vorgeht, aber auch wir arbeiten mit Experten, die Menschen im realen Leben schöner machen – Make-up-Künstlern etwa – und vertrauen auf deren Expertise.

A: Gibt es so etwas wie die Formel für einen schönen Mann?

GB: Unser Spezialgebiet ist es, Menschen jünger wirken zu lassen. Nach dem Verjüngungs­prozess kann es sein, dass sie besser oder schlechter aussehen. Schönheit liegt immer im Auge das Betrachters. Alter hingegen ist ein klar definierbarer und messbarer Begriff. Sagen wir es so: Es gibt eine Formel für jugendliches Aussehen. Aber von Schönheit hat doch letztlich jeder seine eigene Interpretation.

A: Sind ihre Retuschen denn allein den Vorgaben des Drehbuchs geschuldet, oder auch der Eitelkeit mancher Schauspieler?

GB: Die Kunden, die zu uns kommen, wünschen meistens funktionale Veränderungen. Sachen, wo man sagt: Das ist Teil des Charakters, das steht im Drehbuch, das trägt zur Geschichte bei. Ein anderes Beispiel: Da kommt ein Schauspieler nach drei Monaten von einer Drehpause zurück und sieht plötzlich komplett anders aus als bei Drehbeginn. Dann gleichen wir das wieder an. Jüngere Schauspieler haben plötzlich Ausbrüche von Akne. Manchmal sind es auch so einfach Dinge wie die Form eines Bartes zu ändern oder den Haaransatz zu verschieben. Wenn der Kunde eine größere Nase oder kleinere Ohren will– klar, können wir machen. Aber darum geht es beim Youthifying eigentlich nicht. Wir machen Darsteller in erster Linie älter oder jünger – manchmal auch dicker oder dünner.

A: Was war die größte Veränderung,mit der Sie durchgekommen sind, ohne dass der Zuschauer was gemerkt hat?

GB: Die tiefgreifendsten Veränderungen haben wir sicherlich bei der Netflix Komödie PeeWee’s Big Holiday vorgenommen. Der Hauptdarsteller Paul Reubens war zum Zeitpunkt des Drehs 63. Wir haben den Handlungsfaden aber genau dort aufgenommen, wo der Vorläufer von 1990 geendet hatte. Und damals war Reubens keine vierzig. Für Pee Wee haben wir jeden einzelnen Shot nachbearbeitet.

A: Wie verbreitet ist Beauty Work?

GB: Mittlerweile ist das Industriestandard. Heute kommt kein großer Spielfilm ohne digitale Retusche aus. Trotzdem spricht kaum jemand da­rüber. Beteiligte müssen Verschwiegenheitserklärungen unterzeichnen, einschlägige Studios dürfen oft nicht im Abspann genannt werden.

A: Warum ist Ihre Arbeit noch immer ein Tabu?

GB: Normalerweise sind es die Darsteller, die nicht möchten, dass die Retusche publik wird. Das Geheimnis eines guten Schauspielers ist ja, die perfekte Illusion zu erzeugen. Viele möchten nicht, dass herauskommt, wie viel Unterstützung sie dabei mittlerweile vom Computer erhalten. Stellen Sie sich einen Schauspieler vor, der in einer Nahaufnahme gezeigt wird. Sein Gesicht nimmt die gesamte Leinwand ein. Der möchte, dass alle Hautunreinheiten beseitigt werden, dass wir Pickel und Narben verschwinden lassen. Das macht ja auch Sinn. Aber der Zuschauer soll davon eben nichts merken. Ob unsere Arbeit erwähnt wird, bleibt letztlich die Entscheidung des Darstellers oder seines Managers. Noch entscheidet man sich oft dagegen.

A: Gibt es auch Kritiker – Schauspieler oder Regisseure etwa – die der neuen Technik ablehnend gegenüber stehen?

GB: Die gibt es sicher. Ich bekomme davon allerdings nicht viel mit, denn wir arbeiten ja nur mit jenen, die sich für die digitale Nachbearbeitung entschieden haben. Die Darsteller haben damit eigentlich nie ein Problem. Das sind Schauspieler, die spielen eine Rolle, sie tragen Makeup und andere Kleidung als im normalen Leben, sie verhalten sich anders, nehmen eine andere Persönlichkeit an – da ist die Nachbearbeitung dann auch kein großes Ding mehr. Ansonsten ist es auch eine Frage des Budgets, ob ein Film digital retuschiert wird oder nicht. Bei einem kleinen Film kommen solche Techniken normaler­weise nicht in Frage.

A: Hollywood Actors gelten als die schönsten Menschen der Welt. Sind sie dennoch nicht schön genug?

GB: Die Frage ist: Wer setzt die Maßstäbe? Uns geht es nicht so sehr darum, Menschen schöner zu machen. Da kann man auch schon in der Maske viel erreichen. Wir machen Menschen in erster Linie jünger. Oder manchmal auch älter. Prinzipiell kann man sagen: Wir bei Vitality verändern Menschen meist nur, wenn es einen Storypoint gibt. Wenn Schauspieler so stark retuschiert werden – kommen wir dann nicht irgendwann an einen Punkt, an dem sich Schauspieler so sehr von normalen Menschen unterscheiden,dass sich ein virtuelles – unerreichbares – Schönheitsideal herausbildet?Sie werden lachen, aber die Zeiten sind schon wieder vorbei. Schauen Sie sich mal ein Musikvideo aus den 80ern an – die Leute sahen damals komplett unwirklich aus. Allein mit Makeup und Lichteffekten hat man die Interpreten in freakige Aliens verwandelt. Dazu kommt, dass Hollywood schon immer die neuesten Fitnesstrends und die besten plastischen Chirurgen hatte. In den 90ern entstand so ein Idealbild, das für 99 Prozent der Menschheit unerreichbar war. Mittlerweile hat sich die Entwicklung gedreht. Schönheitstechnologie steht jedem zur Verfügung, dafür macht die verbesserte Bildqualität Makel sichtbar, die im echten Leben verborgen bleiben würden. Heute brauchen die Darsteller Beauty Work, um auf der Leinwand so gut auszusehen wie auf der Straße. Den Maßstab in puncto Schönheit setzt das echte Leben.

A: Wie wichtig sind Schauspieler heutzutage eigentlich noch? Wird der Darsteller nicht selbst zu einer Art Leinwand, auf die digitale Artisten projezieren?

GB: Möglich ist das längst. Es gibt Studios, die so weit gehen, dass sie ganze Gesichter austauschen oder mit Körperdoubles und Stuntmen arbeiten, auf die dann das Gesicht eines Schauspielers gesetzt wird. In Filmen wie Spiderman etwa verschwindet die ganze Person, alles, was man sieht, ist fake. Das ist aber nicht unsere Philosophie bei Vitality, denn für solch extreme Effekte ist die Technik einfach noch nicht ausgereift. Unsere Arbeit ist subtiler und soll dem Zuschauer –wenn alles gut läuft – nicht auffallen.

A: Ganz ohne Darsteller geht es also noch nicht?

GB: Davon bin ich überzeugt. Schauspieler und Schauspielerinnen wird man immer brauchen. Schauspieler benötigen eine natürliche Umgebung und echte Menschen, mit denen sie interagieren, um auf der Leinwand glaubwürdig rüberzukommen. Das kann der Computer nicht simulieren. Klar gibt es Firmen, die mit Hologrammen experimentieren, wo dann Stars Livekonzerte spielen, ohne wirklich vor Ort zu sein. Damit kann man schöne Effekte erzielen. Aber ich sehe nicht, dass solche Gimmicks den Darsteller in absehbarer Zeit komplett glaubwürdig ersetzen können. Die digitalen Techniken verändern das Aussehen, die Oberfläche – der Mensch dahinter bleibt unersetzbar.

 

Interview: Aiden
Bilder: Courtesy Vitality Visual Vfx

Dieser Beitrag erschien in der achten Ausgabe der Numéro Homme Berlin #Schönheit. 

Im Interview: Elizabeth Renstrom

Schmerzkörper: Lilia Li-Mi-Yan und Katherina Sadovsky unterscheiden nicht zwischen schön und hässlich. Besonders ihre …

Im Interview: Lilia Li-Mi-Yan und Katherina Sadovsky

Schmerzkörper: Lilia Li-Mi-Yan und Katherina Sadovsky unterscheiden nicht zwischen schön und hässlich. Besonders ihre …