Im Interview: Hungry

16.09.2019, Interview
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Fabelwesen:

Ein Mensch aus der Zukunft. Eine hybride Lebensform zwischen Humanoid, Insekt und Alien, die die Realität verschwimmen lässt. Der Look der Berliner Drag Queen@isshehungry stellt die internationale Dragwelt auf den Kopf. Für Björk gestaltete Hungry das Make-up für ihr aktuelles Album Utopia. Die Queen, die erst seit vier Jahren in der Szene aktiv ist, gibt einen Einblick in die Zukunft des Drags.

Numéro Berlin: RuPaul hat mal gesagt: „You can call me he. You can call me she. You can call me Regis & Cathy Lee; I don‘t care! Just as long as you call me.“ Wie möchtest du angesprochen werden?

Hungry: Meine Pronomen sind natürlich männlich, aber in Drag dann weiblich. Für mich hat das keinen genderspezifischen Aspekt. Ich bin es so gewohnt, seit ich mit Drag angefangen habe, benutze ich dann weibliche Pronomen. Allerdings fokussiere ich mich nicht so sehr auf diese Gender-Frage.

NB: In deiner Instagram-Bio steht: distorted drag. Identifizierst du dich als Drag Queen oder als Clubkid?

H:Eher als Drag Queen, einfach weil meine Art zu performen sehr Drag ist. Ich mache zum Beispiel immer noch Lipsyncs, auch wenn diese sich vielleicht von klassischen Performances unterscheiden. Clubkid ist eher ein Look, der nicht unbedingt etwas mit der Performance zu tun hat.

NB: Wie hast du deinen Look entwickelt?

H:Es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich zu dem Look gekommen bin, den ich jetzt habe. Angefangen habe ich mit normalem Beauty-Drag, das heißt,sehr minimales Make-up. Dann bin ich zum Showgirl-Look übergegangen,aber auch das wurde schnell langweilig. Der Look an sich hat irgendwann keine Herausforderung mehr für mich dargestellt. Ich wollte freier arbeiten, gucken, was ich aus meinem Gesicht machen kann. Mit der Zeit hat sich die Ästhetik entwickelt, die ich jetzt habe. Ich habe die Formen meines Gesichtes erkannt, mit der ich von meiner Vision erzählen will.

NB: Wie sieht diese Vision aus?

H: Den Charakter den ich entwickelt habe, ist eine Lebensform, die sich an andere Umstände anpassen musste. Ich gehe von den menschlichen Attributen aus, stelle mir aber vor, wie diese sich in Zukunft weiterentwickeln müssen. Ähnlich wie bei der Kollektion Platos Atlantis von Alexander McQueen: Wie wäre es, wenn der Mensch jetzt unter Wasser leben müsste? Was würde sich anatomisch ändern? Was mich besonders interessiert ist die Frage: Wie sähe es aus, wenn es mehr in die Insektenrichtung geht? Diese Referenzen erkennt man, glaube, ich ganz gut. Natürlich achte ich darauf, dass ich immer noch genug menschliche Aspekte drin habe. Mein Publikum soll es für schön befinden können, aber trotzdem nicht ganz wissen, was los ist. Dieses Spiel interessiert mich sehr.

NB: Dein Make-up ist nicht nur zweidimensional, sondern erscheint durch Prothesen und Accessoires plastisch, dadurch spielst du mit Sehgewohnheiten und entwickelst eine Ästhetik abseits der normalen, menschlichen Anatomie. Ist es für dich in deiner Arbeit einfacher, zu schockieren, oder Schönheit zu kreieren?

H: Beides. Für mich ist es eigentlich immer schön. Ich denke, was die Leute daran überrascht, ist, dass sie erkennen können, warum mein Look als visuell schön empfunden werden kann. Sie verstehen vielleicht nicht, was los ist, finden es seltsam, aber sie sehen, dass es ansprechend und ausbalanciert ist. Ich will, dass sich die Leute fragen: „Warum ist mir jetzt erst klar, dass so etwas Seltsames schön sein kann?“

NB: Würdest du auch klassisches Make-up tragen? Nur rote Lippen zum Beispiel?

H: Ich habe Boylook-Tage, das sind dann sehr leichte Adaptionen von meinem Make-ups. Ein paar verzerrte Aspekte,wie die verblendeten Lippen, sind dann trotzdem noch dabei. Ein normales Beauty-Make-up mit normalem Lippenstift mache ich nie.

NB: Inwieweit nutzt du Instagram für deine Arbeit und für deine Inspiration?

H: Für meine Inspiration eher weniger. In meiner kreativen Selbstfindung hat es mir dabei geholfen, ein Portfolio aufzubauen, zu erkennen, in welche Richtung ich gehen will. Ich nutze es um meine Arbeiten zuzeigen. Auch die gesunde Konkurrenz, die online herrscht, ist wichtig, um mich selbst zu pushen. Man sieht wie viel die anderen machen, oder vermeintlich machen, und das hat mich selbst herausgefordert, jede Woche etwas neues zu probieren.

NB: Du hast mit Hungry einen einzigartigen Look kreiert und dich damit Drag-Szene von allen anderen abgegrenzt. Björk hat dich für das Artwork ihres neuen Albums Utopia gebeten, deinen Look auf sie zu übertragen. Wie war das?

H: Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich meinen Look an sie abgeben kann. Aber ich wollte eben unbedingt mit ihr arbeiten. Sie wollte dann auch etwas sehr Spezifisches. Das baute auf einer Idee auf, an der ich früher mal gearbeitet habe,aber dann nicht weiter verfolgt habe. Also konnten wir diese Idee gemeinsam ausbauen. Die ganze war sehr kollaborativ.

NB: Könntest du dir vorstellen so nochmal mit jemandem anderen zusammen zuarbeiten?

H: Momentan nicht. Ich entwickele meine Looks Schritt für Schritt und das braucht seine Zeit. Es wäre mir in diesem Moment nicht möglich, nochmal etwas so gehaltvolles wie Hungry aus dem Boden zu stampfen. Ich könnte schwächere Versionen von Konzepten benutzen, bei denen man nicht direkt die Verbindung zu mir sieht. Aber in dem Umfang, in dem ich es mit Utopia gemacht habe, nicht.

NB: Beobachtest du Veränderungen in der Dragszene?

H: Die Drag-Welt wird immer kommerzieller, durch Formate wie RuPaul’s Drag Race. Aber natürlich auch durch das Internet und den Austausch der Queens untereinander, der zeigt, wie bunt und offen die Dragwelt eigentlich ist. Man sollte sich aber nicht zu sehr darauf versteifen, wie die Definition von Drag ist, jeder nimmt Drag und schaft daraus etwas eigenes.

NB: Sorgt diese Kommerzialisierung auch für mehr Verständnis und Offenheit?

H: Auf jeden Fall. Die Leute verstehen es mehr. Aber dadurch, dass es so spezifisch auf eine Definition ausgerichtet ist, nämlich die des kommerziellen Drags, wird sich auch sehr darauf versteift. Es bedarf immer noch Arbeit, das ganze weiter auszubreiten. Das ist für die Community und Leute, die versuchen ihr Leben als Drag aufzubauen, hilfreich und notwendig.

NB: Drag und Mode gehen mittlerweile immer mehr gemeinsame Wege, du bist unter anderem auch für Opening Ceremony in New York gelaufen. Hast du das Gefühl, dass Drag ein Trend in der Mode ist?

H: Drag ist definitiv gerade Trend. Die Modebranche findet immer mehr Konzepte aus dem Drag, die sie sich aneignet. Wie auch bei der Opening Ceremony Show, die von der Queen Sasha Velour entwickelt wurde. Dort war der Zugang sehr vom Theater geprägt.

NB: Zerstört dieser Trend die eigentliche Bedeutung von der Subkultur der Drags?

H: Ich habe nicht mit Drag angefangen, um eine Karriere draus zu machen, es gibt aber sehr viele Menschen, die genau das machen. Ich weiß nicht, welche Voraussetzungen man mitbringen muss. Bei mir waren es Geduld und Zeit. Es gibt so viele neue Drag-Performer, die erwarten, dass sie jetzt groß herauskommen, weil sie meinen, alle Regeln zu befolgen. Aber dieses Regelbuch gibt es eigentlich nicht. Deshalb werden immer mehr Performer auch auf Probleme stoßen. Ich habe das Gefühl, dass sich durch diese Trendbewegung langfristig viel verändern wird, kann aber nicht sagen, wie.

 

Interview: Pia Ahlert und Fabio Pace
Bilder: Ari Versluis

Dieser Beitrag erschien in der fünften Ausgabe der Numéro Berlin #Rot. 

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