Im Interview: Lilia Li-Mi-Yan und Katherina Sadovsky

23.09.2019, Interview
 
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Schmerzkörper:

Lilia Li-Mi-Yan und Katherina Sadovsky unterscheiden nicht zwischen schön und hässlich. Besonders ihre Darstellung von Frauenkörpern unterläuft das gängige Schönheitsideal. In ihrer russischen Heimat werden die beiden dafür sogar von der Kunstszene angefeindet.

 

Es kann durchaus schmerzhaft sein, sich die Bilder anzusehen, die die Fotografin Lilia Li-mi-Yan zusammen mit der Künstlerin Katherina Sadovsky kreiert. Die beiden Moskauerinnen legen den Finger – wortwörtlich – in die Wunde. Sie zeigen entblößte Körper, physische Makel in Großaufnahme. Seit 2016 arbeiten die beiden auch als Duo. Zum Facetime-Interview kommen Lilia und Katherina zusammen. Ihr spezielles Interesse gilt Frauen, die physische Trauma erlitten haben und infolge dessen erst ein neues, körperbezogenes Selbstwertgefühl entwickeln müssen. Ihr Ziel: Die gängigen Normen medial inszenierter Schönheit zu durchbrechen.

Beate Scheder: Lilia, Katherina, wie habt ihr euch kennen gelernt und wie kamt ihr auf die Idee, zusammenzuarbeiten?

Lilia Li-Mi-Yan: Wir haben beide an der Rodchenko Art School in Moskau Dokumentarfotografie studiert. Das ist die einzige Hochschule für zeitgenössische Kunst in Russland. Dort konnten wir bald feststellen, dass wir dieselbe künstlerische Sprache sprechen.

Katherina Sadovsky: Ich habe mich nach dem Abschluss von der Fotografie wegbewegt. In unserem ersten gemeinsamen Projekt haben wir verschiedene Medien kombiniert. Es war ein Experiment. Das setzen wir nun weiter fort.

LL: Ich arbeite stärker mit Fotografie und Katja bringt Malerei und Skulptur mit herein.

KS: Und Poesie. Wir arbeiten weiterhin eigenständig, aber eben auch als Duo. Mit verschiedenen Techniken.

 

BS: Wie würdet ihr diese künstlerische Sprache beschreiben, die ihr teilt?

LL: Sie äußert sich allein schon in dem Thema, mit dem wir uns hauptsächlich beschäftigen. Wir interessieren uns für Traumata. Nicht nur im physischen Sinne,sondern auch im mentalen.

BS: Das kann man sich gut vorstellen, wenn man sich eure Arbeiten ansieht. Lilia, in den Bildern, die ihr für Numéro Berlin gemacht habt, und auch in deinen früheren Soloprojekten, ofenbarst du einen sehr speziellen Blick auf weibliche Körper, der so gar nichts mit der typischen medialen Inszenierung von Weiblichkeit zu tun hat. Was für ein Bild von Frauen möchtest du zeigen?

LL: Frauen sind für mich schön, egal wie alt sie sind oder wie viel sie wiegen. Solche Kategorien spielen für mich keine Rolle. Diese Körper sind schön, auch wenn andere sie als hässlich bezeichnen. Das, was für andere ein Makel oder Defizit ist, macht für mich oft erst deren Schönheit aus. Ideale Körper reizen mich nicht. Erst Brüche und kleine Fehler sind es, die Körper für mich interessant machen. In meiner Fotografie stelle ich solche Details in den Vordergrund. So will ich ihre Schönheit hervorheben.

BS: Was bedeutet Schönheit für dich?

LL: Schönheit kommt für mich von innen und hat nichts mit standardisierten Idealen zu tun. Rein gar nichts. Zum Beispiel habe ich ein Projekt mit Frauen über 50 gemacht. In der modernen Welt heißt es, dass eine Frau, die über 50 ist, nicht schön sein kann, erst recht nicht sexy. Das Gegenteil ist der Fall! Diese Frauen, die ich für Mature Beauty fotografiert habe, sind großartig! Mit meinen Bildern will ich meine Bewunderung für sie und meine Liebe zu ihren Körpern mit anderen teilen.

BS: Vor der Fotografie hast du eine Zeit lang Ballett und Choreographie studiert. Kommt daher dein Interesse an Körpern?

LL: Die choreographische Arbeit hat mir auf jeden Fall neue Perspektiven auf den menschlichen Körper ermöglicht. Ich hatte die Möglichkeit, Körper von vielen verschieden Winkeln aus zu betrachten –aber das ist alles. Ansonsten hat mich das nicht beeinflusst.

BS: Viele der Körper, die ihr in Numéro Berlin zeigt, weisen Schrammen auf, Wunden, Narben oder Ausschläge, Dinge, die mit Schmerzen verbunden sind. Was interessiert euch daran?

LL: Wenn man die Bilder einzeln ansieht,ohne Kontext, scheint es tatsächlich um Schmerzen zu gehen. Wir wollen mit ihnen aber eine Geschichte erzählen. Es geht um Menschen oder vielmehr Frauen,die ein Trauma erlitten haben, weil sie beispielsweise einen Unfall hatten, dieses aber überwinden. Im Körper wie im Kopf.

KS: Die Frauen in unseren Bildern überwinden ihr Trauma, finden einen Weg damit umzugehen und lernen aufs Neue, sich schön zu fühlen. Schön, sexy und gleichwertig, trotz all der starren, konservativen Vorstellungen von weiblichen Körpern und weiblicher Schönheit, die in der Gesellschaft dominieren.

BS: Brutal wirken auch diese merkwürdigen rahmenartigen Gegenstände, die manche der Models auf der Strecke in ihrem Mund tragen, sodass ihre Zähne hervortreten. Was sind das für Apparaturen?

LL: Zahnärzte benutzen solche Geräte, um besser an Zähnen arbeiten zu können. Für mich stehen sie für eine Vielzahl von schmerzhaften Prozeduren, die Frauen über sich ergehen lassen, um ihre Schönheit zu bewahren. Es ist unglaublich wie Frauen freiwillig leiden, nur um schön zu sein.

BS: Auf Frauen in einem Land wie Russland, in dem strenge Genderstereotype und konservative Schönheitsideale vorherrschen, trift das wahrscheinlich ganz besonders zu. Eckst du mit deiner Kunst in einem solchen Umfeld an?

LL: Ich verstehe meine Kunst definitiv als eine Form des Protestes gegen dieses konservative Verständnis von Schönheit. Tatsächlich ist Russland sehr rückständig was die Vorstellungen betrift, wie eine Frau auszusehen hat. Oder Körper generell. Und das hat auch Folgen für meine Kunst. Mein Buch Nausea musste ich in Deutschland drucken lassen. Es gab keine andere Möglichkeit. Niemand in Russland hat sich bereit erklärt, es zu drucken.

BS: Wow.

LL: Selbst im Umfeld zeitgenössischer Kunst in Russland, unterstützt oder versteht nicht jeder diesen Blick auf Körper. Es ist verrückt. Im Ausland gewinne ich Preise und in Russland kann noch nicht einmal die Kunstszene etwas damit anfangen.

BS: Zeigst du deine Arbeiten überhaupt noch in Russland?

LL: Ja, schon, aber niemand will sie sehen. Auch mit den Galerien wird es immer schwieriger. Viele haben Angst, solche Kunst zu zeigen. Es gab in der Vergangenheit einige Skandale. Konservative oder – besser gesagt –Verrückte haben in Galerien, deren Kunst ihren Vorstellungen nicht entsprach, einen Aufstand gemacht. Es gab sogar Galerien,die schließen mussten.

BS: Erlebst du das ähnlich,Katherina?

KS: Genauso. Sowohl, was unsere gemeinsamen Projekte angeht wie auch meine eigene Kunst. Es ist schwer Menschen zu finden, die sie drucken oder die sie ausstellen. Dafür gibt es genug Leute, die unsere Arbeit extremistisch nennen. Oder pornografisch.

BS: Ist es für Künstlerinnen besonders schwierig in Russland?

KS: Ich denke nicht, dass das Geschlecht eine Rolle spielt. Wir kennen auch männliche Künstler, die ähnliche Probleme haben. Es geht eher um bestimmte Themen, die offenbar ein Tabu darstellen.

LL: Alles, was den menschlichen Körper betrifft, nackte Körper, freie ehrliche Meinungsäußerungen jeglicher Art, wird gleich als extremistisch betrachtet. Das ist nirgendwo offiziell so festgelegt, aber man scheint sich dennoch darauf geeinigt zu haben, was geht und was nicht geht. Die Themen und Motive sind entscheidend und nicht, ob die Kunst von einem Mann oder einer Frau kommt

BS: Wie geht ihr mit diesen Restriktionen um?

LL: Es macht nicht viel Sinn, dagegen zu kämpfen. Das System in Russland ist zu starr. Stattdessen versuchen wir, mit unserer Kunst die Kunstwelt außerhalb Russlands anzusprechen. Und da erreichen wir tatsächlich auch ein Publikum. Für uns ist das sehr wichtig. Die Kunstwelt hat durchaus Interesse an unserer Arbeit. Das gibt uns Stärke und bestätigt uns darin, weiterzumachen.

KS: Reaktionen vom Publikum sind für jeden Künstler wichtig, für uns vielleicht noch ein bisschen mehr. Wir würden uns wünschen, durch die Veröffentlichung in Numéro Berlin auch viel Feedback zubekommen.

 

Interview: Beate Scheder
Bilder: Lilia Li-Mi-Yan und Katherina Sadovsky

Dieser Beitrag erschien in der fünften Ausgabe der Numéro Berlin #Rot. 

 

 

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