Im Interview: Elizabeth Renstrom

07.10.2019, Interview
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Teenage Hypeland:

Insta-Feed, Youtube-Tutorials, Whatsapp-Push-Alerts – noch nie strömten so viele Informationen auf Heranwachsende ein. Die Suche nach einer Identität wird immer schwieriger. Online lässt kaum Raum für Fehler. In Numéro Berlin findet die New Yorker Fotografin Elizabeth Renstrom Bilder für die Lebenswelt amerikanischer Teenager, in der Feminismus käuflich ist.

Kann man heute noch einfach so Teenager sein? Mit Freunden abhängen, ins Einkaufszentrum gehen, komische Klamotten anziehen? Oder aber auf all das keinen Bock haben und sein eigenes Ding machen? Die Phase zwischen Kindheit und Erwachsenalter war mal zum Ausprobieren da. Wechselnde Freundeskreise, jedes halbe Jahrein neues Hobby, abends – auf älter geschminkt – versuchen, in die Disco zu kommen und morgen trotzdem wieder Kind sein dürfen. Wenn man wollte, konnte man das meiste davon sogar unbemerkt tun, außer man traf –peinlich! – jemanden aus der Nachbarklasse. Heute hat man als Schon-lange-nicht-mehr-Teenager das Gefühl, das Leben der jüngeren Generation sei schwieriger geworden. Statt Tagebuch und Clique sorgen Insta und Co für Dauerbespiegelung und soziale Kontrolle, die krasser sind als jede Klassenarbeit oder Stress mit den Eltern. Und dann wird einem ständig noch was angeboten: Identitätsbildung findet heute qua Kaufentscheidung statt. Wer will man sein, zwischen Bibis Beauty Palace, Girl Power, Fridays for Future und Hypebae? Kein Wunder, wenn junge Mädchen das Gefühl haben, sich ihre Jugend, das Frausein, zusammenkaufen zu müssen. Elizabeth Renstrom ist Fotoredakteurin bei der US-Ausgabe des Vice-Magazins. Als Fotografin arbeitet sie auch für den New Yorker, Time Magazine undRefinery29. FürNuméro Berlin inszenierte sie Portraits, denen sie scheinbar belanglose Konsumobjekte gegenüberstellt. Es entstand eine Serie über die Ästhetik amerikanisch geprägter Jugendkultur zwischen Kinderzimmer und Mall Culture.

NUMÉRO: Was ist Idee hinter der Serie, die du für uns fotografiert hast?

ELIZABETH RENSTROM: In meinen Arbeiten setze ich mich generell kritisch damit auseinander, wie bestimmte gesellschaftliche Bewegungen in Amerika fremdbesetzt und kommerzialisiert werden, und wie sich das auf weibliche Konsumentinnen auswirkt. Egal, ob es sich um Girl Power oder um Feminismus handelt. Ich will auf spielerische Weise auf die Heuchelei von Marken hinweisen,die diese Themen benutzen, um ihre Produkte an junge Frauen zu verkaufen. Diesen Widerspruch sieht man sehr gut an dem Model, das ein „The Future is Female“-Shirt trägt. Dabei konturiert sie ihr Gesicht, um einem Schönheitsstandard zu entsprechen, der von den Kardashians und Make-up-Trendsauf Instagram vorgebeben wird.

NB: Was ist das Amerika-spezifische an diesen Bildern?

ER: Viele meiner Arbeiten spiegeln die amerikanische Popkultur wider, vor allem frühere Werke wie Lisa Frank Blues. Einen besonderen Amerikabezug bekommen die Bilder aber durch die fotografierten Objekte, typische US-Konsumgüter wie Juul-Pods oder die Date-Ball-Billardkugel. Meine Fotos zeigen die dunklen Seiten des amerikanischen Konsums.

NB: Wie hat sich das Leben von Teenagern in den letzten Jahren gewandelt – in USA und anderswo?

ER: Teenager mit Smartphones haben heutzutage ständigen Zugang zu Nachrichten über Gewalt und Terror und auch weniger aufreibende Dinge wie Beauty-Blogs. Ich versuche zu reflektieren, wie dieser Medienkonsum und die riesige Menge an Informationen die Art und Weise beeinflussen, wie Mädchen ihre Identität konstruieren. Dafür benutze ich die Artefakte westlicher Mädchenkultur. Um darzustellen,wie diese konstant ablaufende Suche nach Identität immer schwieriger wird, weil ein Großteil der Identitätsbildung online stattfindet.

NB: Ein Fokus deiner Arbeiten ist die Rolle von Frauen in der Gesellschaft: Wie erlebst du Debatten wie beispielsweise#metoo?

ER: Ich stelle leider fest, dass die#metoo-Bewegung extrem kommerzialisiert wird, um damit Geld zu verdienen. Das ist natürlich eine sehr negative Sichtweise, aber es geht mir einfach darum, zu zeigen, dass#metoo und andere Bewegungen in den USA absolut ihre Berechtigung haben, aber eben auch sehr anfällig für kapitalistische Mechanismen wie Werbung sind. Je schneller sie dadurch verwässert werden, desto schneller vergisst man die ursprüngliche Absicht. Es mag fast naiv klingen, aber ich hoffe, dass sich die Leute mehr Zeit nehmen, um einander besser zu verstehen – ob online oder auf der Straße. Und ich hoffe, dass wir alle zu bewussteren Konsumenten werden und uns –gerade in den sozialen Medien –nicht so schnell korrumpieren lassen.

 

Interview: Hans Bussert
Bilder: Elizabeth Renstrom

Dieser Beitrag erschien in der sechsten Ausgabe der Numéro Berlin #Amerika. 

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