Im Interview: Ijoma Mangold

21.10.2019, Interview
 
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„Seit ich lebe, wollen Leute mein Haar anfassen“:

Ijoma Mangold ist Literaturchef der Zeit. Im Herbst erscheint bei Rowohlt sein erstes Buch Das deutsche Krokodil, in dem er sich ausführlich mit seiner Hautfarbe beschäftigt, obwohl er das bisher stets ablehnte.

Joachim Bessing: 2001 machte mich ein Freund auf Texte im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung aufmerksam, die mit Ijoma Mangold unterschrieben waren. Wir fragten uns: ist das eine Frau oder ein Mann? Später hast du dann einen Text für die Bundeskulturstiftung verfasst, in dem du das Problem deiner Hautfarbe – wie du damals schriebst: einmal und nie wieder – thematisiert hast. Nun erscheint im Herbst dein Buch, in dem es genau darum gehen wird. Was ist seit 2001 geschehen?

Ijoma Mangold: Dass ein Leser nicht weiß, welche Hautfarbe ich habe, hat mich damals überhaupt nicht umgetrieben, die Ungewissheit der Leser über mein Geschlecht hingegen sehr wohl. Insofern ist das ein Teil der Geschichte, die ich mit meinem Namen habe. Als Kind ist so ein Name nicht einfach. Immer musst du den anderen erklären, wie sie ihn aussprechen sollen. Gleichzeitig stellst du fest, dass alle diesen Namen faszinierend finden. Dass sie dich sogar beneiden, weil du nicht Matthias heißt oder Oliver. Als Kind fand ich diese Reaktion absurd, für mich war mein Vorname eine Last. Später hat sich das wiederholt. Als ich nach dem Abitur in die USA ging, habe ich ein paar Monate in einem Summer Camp als Counselor gearbeitet. Da habe ich mich mit meinem zweiten Vornamen Alexander vorgestellt. Mein Englisch war damals furchtbar schlecht, und ich wollte nicht auch noch auf Englisch erklären müssen, wie mein komplizierter Name auszusprechen sei. Aber kaum lernte ich jemanden besser kennen, fand der natürlich heraus, dass ich in Deutschland als Ijoma herumlief. Keine Chance, den Alexander durchzusetzen. Alle wollten zu dem besonderen Namen zurück. Als ich während des Studiums ein Jahr in Bologna war, stellte ich mich dort als Alessandro vor. Irgendwann stellte ich aber auch da fest, dass in der Exotik meines Vornamens ein Vorteil liegt. Bis ich dann mit dem Journalismus anfing. Dass man mich nicht als Mann identifizieren konnte, fand ich ein Problem.

JB: Das war um die Zeit doch avantgarde.

IM: Na, dann war mir damals noch nicht klar, dass das Avantgarde war. Das Problem stellte sich mir zum ersten Mal im Jahr 1998, als ich bei der Berliner Zeitung war. Ich überlegte, mit beiden Vornamen zu unterschreiben, aber natürlich war Ijoma Alexander Mangold für die Autorenzeile zu lang. In einem Anfall von Geistesgestörtheit habe ich den Alexander dann als Initiale eingeführt, weil ich tatsächlich dachte, dass sich die Leser fragen würden, was dieses A zu bedeuten hat– woraufhin sie dann auf irgendeinem Weg herausfinden würden, dass es für Alexander steht.

JB: Und Google war noch nicht etabliert …

IM: Ich weiß auch nicht, was ich mir da gedacht hatte. Die Hautfarbenfrage und die Vornamensfrage hängen jedenfalls zusammen. Es sind sozusagen die zwei Dinge, die man von außen, gewissermaßen auf den ersten Blick, sieht. Da wird dann eine Weiche umgestellt.

JB: Wann ist dir als Kind zum ersten Mal Andersartigkeit zugeschrieben worden?

IM: Ich würde darauf beharren: Mir hat in meiner gesamten Kindheit niemand etwas zugeschrieben. Aber ich selber wusste immer um meine Andersartigkeit, aber nicht – das ist wichtig! – weil andere es mich spüren ließen! Kinder haben eine hohe Sensibilität für Abweichungen von der Norm. Soweit meine Erinnerung zurückreicht, war mir immer klar, dass bei uns zuhause etwas anders ist. Seit ich lebe, kommen Leute auf mich zu und wollen mein Haar anfassen.

JB: Von Skinheads verprügelt wurdest du nie?

IM: Nein.

JB: Du kommst doch auch vom Land wie ich.

IM: Aus Heidelberg. Als vom Land würde ich das nicht bezeichnen. Es ist ein tolle Stadt, auch keine arme Stadt, mit einem extrem durchakademisierten Milieu. Nochmal: von außen her gab es keinerlei Probleme. Von innen heraus aber schon. Das ist der entscheidende Punkt. Die meisten Kinder mögen es nicht, wenn sie anders sind.

JB: Kinder sind spießig.

IM: Ich war der Oberspießer als Kind. Ich liebte meine Oma, wenn sie zu meiner Mutter sagte: „Was sollen denn die Leute denken.“ Mein Gefühl der Andersartigkeit kam nicht allein durch die Hautfarbe. Die Hautfarbe ist bei mir verknüpft mit der Person meines Vaters, der nicht anwesend war. Das verstärkte sich gegenseitig: Die Hautfarbe wies auf den abwesenden Vater hin. Ich habe meinen Vater als Kind zwar überhaupt nicht vermisst, seine Abwesenheit aber wohl als schmachvoll empfunden.

JB: Hast du deinen Vater nur selten gesehen?

IM: Gar nicht. Mein Vater war nach Nigeria zurückgegangen. Ich lernte ihn erst kennen, als ich 23 war.

JB: Keine Weihnachtsgeschenke, keine Geburtstage?

IM: Wir hatten keinen Kontakt.

JB: Keine Briefe?

IM: Nein.

JB: Du bist als Halbwaise aufgewachsen.

IM: Diesen Begriff habe ich nie auf mich angewendet. Den höre ich von dir zum ersten Mal. Ich bin mit einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen. Ich weiß gar nicht mehr, was mir damals unangenehmer war: die Tatsache, dass er nicht da war, oder die Tatsache, dass er mir eine dunkle Hautfarbe hinterlassen hatte. Ich glaube, wäre er anwesend gewesen, hätte ich mit meinem afrikanischen Aussehen etwas anzufangen gewusst. Weil ich dann eingebettet gewesen wäre in seine Lebensgeschichte. Bei mir war nur die Physiologie übrig geblieben, ohne die Geschichte dazu.

JB: Kannst du auf nigerianisch Hallo sagen?

IM: Nein. Ich kann noch nicht mal meinen eigenen Vornamen richtig aussprechen. Die Sprache, aus der mein Vorname stammt, heißt Ibo. Die arbeitet mit verschiedenen Tonhöhen. Wenn ich in Nigeria meinen Namen sage, lachen die immer. Es gibt Ijoma nämlich in einer weiblichen und in einer männlichen Bedeutung. Je nachdem, wie man ihn ausspricht.

JB: Wie haben sich deine Eltern kennengelernt?

IM: Mein Vater war in den Sechziger Jahren nach Heidelberg gekommen, um Medizin zu studieren. Dort hat er meine Mutter kennengelernt. Es war von Anfang an klar, dass er nach Nigeria zurückgehen würde. In dem Dorf, aus dem mein Vater stammt, stellt seine Familie das Oberhaupt. Die Dorfgemeinschaft hatte ihm das Studium im Ausland finanziert, umgekehrt sah er sich verpflichtet, als der erste promovierte Mediziner, der aus diesem Dorf stammt, in sein Land zurückzukehren. Als ich ein Jahr alt war, hat er das auch getan. Mit meiner Mutter war das geklärt, da gab es kein böses Blut. Es war auch klar, dass mein Vater in Nigeria wieder heiraten und eine neue Familie gründen würde. Dort wird dynastisch gedacht. Und um all das nicht zu gefährden, hatten meine Mutter und mein Vater einvernehmlich beschlossen, keinen Kontakt zu halten. Weshalb ich ganz ohne ihn aufwuchs, ihn auch nicht vermisst habe. Nie. Als ich 22 Jahre alt war, Student in München, kam ich aus einem Griechenlandurlaub zurück und fand in meinem Briefkasten ein Kuvert aus besonders holzhaltigem Papier. Da wusste ich: Post von deinem Vater!

JB: Schreibmaschine oder handschriftlich?

IM: Handschriftlich.

JB: Wer war denn in deiner Kindheit und Jugend die Vaterfigur für dich?

IM: Die musste ich mir bei den Vätern meiner Freunde suchen.

JB: Du hast dich auf deutsche Literatur spezialisiert. Du bist auch ein Anwalt der bürgerlichen Literatur.

IM: Das würde ich so nicht sagen. Aber der Kanon ist mir wichtig, ja.

JB: Der Kanon erzählt von einem komplett weißen Land.

IM: War es ja auch. Bei den Vätern meiner Freunde hielt ich mich gerne an die preuẞisch konservativen Gestalten.

JB: Dafür stehst du ja selbst auch. Als wir uns kennenlernten, fiel mir das auf: deine geschliffene Sprache, und dein Bewusstsein für Stil.

IM: Das war aber auch die Zeit! Wir hatten Eltern, die die Formlosigkeit vergötterten.

JB: War das bei dir so?

IM: Nein. Nicht bei meiner Mutter, die war ein Ritualfetischist. Aber das gesellschaftliche Umfeld war so. Und mir war früh klar, dass in der Inszenierung der Form eine enorme Distinktionsrendite lauerte.

JB: Warst du ein rebellischer Schüler?

IM: Ja. Aber zu dieser Zeit bedeutete das eine konservative Rebellion – schließlich hielten sich die Lehrer ja durch die Bank für Nonkonformisten. Deshalb lasen wir Sebastian Haffner, es machte uns Freude, die Alleinschuld der Deutschen am Ersten Weltkrieg in Frage zu stellen, denn das brachte den Geschichtslehrer in Bedrängnis und in Rage, gleichzeitig war unsere Provokation nicht dümmlich, denn schließlich hatten wir unsere Argumente von Sebastian Haffner. Seit Christopher Clarke übrigens common sense

JB: Als du Juror wurdest im Dichterwettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis, wollte ich dich für Vanity Fair portraitieren. Als erster schwarzer Jurorin Klagenfurt. Aber du hast abgelehnt.

IM: Zu Recht.

JB: Auf Youtube kann man die Jurysitzung aus den 80er-Jahren sehen, in der Walter Jens zu Jörg Fauser sagt: Sie gehören hier nicht hin.

IM: Ich wollte immer nur für meinen Geist wahrgenommen werden, der – hoffe ich– hatte mir den Job als Juror eingebracht. Und nicht, weil ich irgendeine Form von Vielfältigkeit verkörpere, die dem homogenen deutschen Literaturbetrieb guttun würde. Ich bin gerade noch alt genug, um der Diversity-Einstellungspolitik zuvorgekommen zu sein. Als ich an die Universität kam, als ich in den Journalismus eingetreten bin, gab es noch kein Diversity-Denken. Dieser Begriff hat sich so schnell und so massiv durchgesetzt, dass wir glauben, es habe ihn schon immer gegeben. Nö. Dass Firmen Diversity zum Einstellungskriterium erklären, ist ein Phänomen der letzten zehn Jahre, im besten Fall. Weder Herr Kilz bei der Süddeutschen Zeitung noch Herr Di Lorenzo bei der Zeit haben gedacht: „Wir sind eh zu weiß, da kommt uns doch der Herr Mangold ganz recht.“ Das hat sich seither geändert, und ich finde das generell auch gut, gerade bei Zeitungshäusern, weil man auf diese Art auch wirklich andere Erfahrungswelten anzapfen kann. Aber andererseits bin ich froh, nicht als Diversity-Ritter unter Vertrag zu stehen. Ich selbst habe nie einen Gedanken darauf verschwendet, der erste schwarze Juror in Klagenfurt werden zu wollen.

JB: Das glaube ich nicht.

IM: Ich fand es wegen der Ahnenreihe schön, nach Klagenfurt berufen zu werden. Aber nicht weil es, jetzt muss ich wirklich lachen, ein historischer Schritt war, dass es ein Schwarzer als Literaturkritiker nach Kärnten schafft …

JB: Das war nie ein Teil deiner Identität –dass du es doppelt schwer hast?

IM: Dieses doppelt schwer hatte ich zum ersten Mal von einem Bekannten meiner Mutter gehört, einem Griechen, der Chefarzt in der Augenklinik war. Der hatte mich einmal ersatzväterlich zur Seite genommen und gesagt: „Weißt du, wir Nichtdeutschen müssen immer doppelt so gut sein.“

Damals war ich 15. Ich habe danach lange über diesen Satz nachgedacht, denn er erschien mir kokett. Dieser sehr sympathische Mann war Chefarzt, als solcher war man in Heidelberg ohnehin schon ein Halbgott. Musste seine wahre Leistung und Begabung also dann noch mal doppelt veranschlagt werden?

JB: Tim Raue hat neulich bei der Veröffentlichung seines Kochbuches zu Protokoll gegeben, was er in der Küche leiste, sei übermenschlich.

IM: Als Barack Obama Präsidentschaftskandidat der Demokraten wurde, schrieb ich für die Süddeutsche den Text Zwei Farben Schwarz. Ich wollte das Phänomen beleuchten und zugleich etwas über meine Hautfarbe schreiben. Den wenigsten war damals klar, dass Obama eigentlich von der kulturellen Sozialisierung her kein African American ist. Obama hatte so ein Air der Unzugehörigkeit, das mir persönlich gefiel und das ich als Erklärung seines Erfolgs für entscheidend hielt. Ich beschrieb dann anekdotisch aus meiner eigenen Erfahrung, wie Hautfarbe wahrgenommen wird, wie sie codiert ist. Am nächsten Tag wurde ich von einem Kollegen, wir sahen uns jeden Tag in der Redaktion, auf diesen Text angesprochen. Ihm war erst durch den Text aufgefallen, dass ich selbst dunkelhäutig bin. Das ist meine Dauererfahrung. Je besser mich die Leute kennen, desto weniger nehmen sie das wahr. Wenn ich heute mit Jackie Thomae oder René Aguigah spreche: die sagen dasselbe. Die haben es ähnlich erlebt. Aber René Aguigah und ich werden ständig verwechselt im Literaturbetrieb. Auf wirklich hartnäckige Weise: „Doch, doch, doch, ich bin ganz sicher mit Ihnen verabredet!“ „Nein, mit meinem Kollegen vom Deutschlandradio, glauben Sie mir!“

JB: Und andere Probleme gab es nie?

IM: Als junger Mensch, als Zivildienstleistender und Student im konservativen Bayern, hatte ich manchmal die Sorge, dass es schwieriger für mich sein könnte, einen Mietvetrag zu bekommen. War aber nie der Fall.

JB: Mittlerweile geht es halt ausschließlich darum, ob man Geld hat.

IM: Würde ich eigentlich auch sagen: Mit Geld kann man sich zu einem erheblichen Teil von allen Problemen freikaufen.

JB: Wie kam es dann zu diesem Identitätsschub, dass du dieses Buch schreiben wolltest?

IM: Die Antwort wird dich enttäuschen. Ich wollte einfach ausprobieren, wie sich das nicht-journalistische Schreiben anfühlt.

JB: Dann hättest du es nicht veröffentlichen müssen. Oder ist es so geil geworden,dass du es veröffentlichen musstest?

IM: Du weißt doch, was Bücherschreiben mit einem macht!

JB: Ich kenne nur die Klischees. Dass die Figuren ein Eigenleben entwickeln; dass man sich zwischendurch auf den Betonboden legen muss, weil man fürchtet, gleich wahnsinnig zu werden et cetera …

IM: Jedes dieser Klischees stimmt.

JB: Also kam eines Tages ein Anfang zu dir, im Halbschlaf oder beim Essen, und wollte geschrieben werden.

IM: Nein. Ich hatte eine Gastprofessur in St. Louis, drei Monate lang. Ich wusste, da habe ich die Chance das auszuprobieren. Was ich aber nicht hatte, war eine Geschichte. Also saß ich jeden Tag dort im Kayak Café, klappte den Laptop auf, weil meine Exfreundin mir gesagt hatte, dass Schreiben so geht, dass man halt jeden Tag eine Datei aufmacht und fünf Stunden davor sitzen bleibt. Meine Mutter war 2010 gestorben, das hat bei mir viele Erinnerungen an meine Kindheit ausgelöst. Ich habe sowieso eine sentimentale Seite, und ich wollte immer schon die späte Bundesrepublik mit ihrem Konservatismus beschreiben. Und so fing ich an mit Kindheitsszenen aus Heidelberg. Das machte mir große Freude. Aber dann wurde mir klar, dass sich jeder Leser fragen würde: Und wo ist der Vater? Also musste ich erklären, wo der Vater ist, und diese Erklärung wurde immer länger. So wurde aus dem Text, der ursprünglich eine Mentalitätsgeschichte der späten Bundesrepublik werden sollte, meine Geschichte.

 

Interview: Joachim Bessing
Bild: Christian Werner

Dieser Beitrag erschien in der sechsten Ausgabe der Numéro Homme Berlin.

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