Im Interview: Marianne Faithfull

28.10.2019, Interview
 
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In diesem Alter begann für Marianne Faithfull eine Jugend im Kreis der Rolling Stones, der Beatles und The Who. Statt zu studieren, stand sie plötzlich im Zentrum einer Ära, in der Popmusik geprägt wurde. Sie sagt, sie„wäre zur bestmöglichen Zeit“ jung gewesen. Dennoch hat sie gerade erst das Gefühl, erwachsen zu werden. Was Liebe wirklich bedeutet, lernte sie mit 50.

Sally Fuls: Marianne, du hast mal gesagt, du hättest „nicht einen einzigen Knochen Nostalgie“ in deinem Körper.

Marianne Faithfull: Das stimmt, habe ich nicht. Wobei … ich fürchte, seit ich älter werde, nimmt die Nostalgie ein kleines bisschen zu.

SF: Ist man automatisch nostalgisch,wenn man über die Jugend redet?

MF: Ich weiß es nicht. Ich bin ein Mensch wie jeder andere. Ich habe es geliebt, jung zu sein, und ich liebe es weiß Gott nicht, alt zu werden. Die Jugend war besser, nostalgisch bin ich deswegen aber nicht.

SF: Kannst du dich an die Situation erinnern, in der du dich zum ersten Mal erwachsen gefühlt hast?

MF: (Lacht) Als ich jung war, ein Teenager, habe ich mir meine Mutter angeschaut und gedacht: Erwachsensein, das heißt zu rauchen und zu trinken.

SF: Wie lange hat es dann gedauert, bis du damit angefangen hast?

MF: Ich war so um die 16, als ich das erste Mal getrunken habe. Natürlich war das nicht so viel, nicht vergleichbar mit meiner Mutter. Aber es war ja eh nur die Idee dessen, was Erwachsensein für mich bedeuten könnte. Das hieß nicht automatisch, dass ich es deswegen auch gleich richtig tun musste. Um ehrlich zu sein, fange ich gerade erst an zu denken, dass ich langsam erwachsen werde.

SF: Was gehört dazu, zum Erwachsenwerden?

MF: Trinken und rauchen hat jedenfalls einen Scheißdreck damit zu tun. Das zu denken, war natürlich dumm (lacht). Erwachsen zu sein heißt, selbst Verantwortung zu übernehmen. Niemand anderen für meine Fehler verantwortlich zu machen, das ist das Wichtigste. Sonst ist man nichts anderes als ein lächerlicher Drückeberger. Und noch eine Sache habe ich gelernt: Menschen so sehr zu lieben, wie ich es kann.

SF: War das denn sehr anders, als du jung warst?

MF: Hmm … Ich bin in England aufgewachsen, erst in Liverpool, dann hat mein Vater seinen Doktor gemacht und wir sind in den Süden gezogen, in ein kleines Häuschen. Irgendwann ging ich dann auf die Klosterschule. Ich hatte eine ziemlich glückliche Kindheit, ich habe es geliebt. Über so etwas denkt man ja als Kind nicht nach.

SF: Wofür hast du dich in dem Alter interessiert?

MF: Eigentlich für das Gleiche wie heute. Musik. Ich habe getanzt. Meine Mutter war Tänzerin im Berlin der Weimarer Republik, wo sie in Stücken von Bertolt Brecht und Kurt Weill mitspielte. Also habe ich auch Unterricht genommen. Dann kamen Klavier und Gesang dazu, es war fantastisch, das alles zu lernen. Und irgendwann merkte ich, was mir liegt und was eher nicht. Die Sachen, in denen ich gut war, habe ich irgendwie immer mehr gemocht als die, in denen ich schlecht war (lacht). Aber so etwas zuerkennen, deine Stärken und Schwächen, das passiert automatisch. Ich hatte nie in meinem Leben irgendwelche großen Momente, wo ich irgendetwas Bestimmtes realisiert hätte.

SF: Hat sich dein Verhältnis zu Musik und Kunst geändert seit deiner Jugend?

MF: Der Auslöser war, als meine Großmutter, die Mutter meines Vaters, mich in London zu einer Aufführung von West Side Story mitgenommen hat.Wahrscheinlich hat das mein Leben verändert. Ich habe es gesehen und gedacht: das ist es, was ich machen und werden will, genau das. Aber da war ich acht Jahre alt und einfach ein normales kleines Mädchen. Und bevor ich dann zehn Jahre später von Andrew Loog Oldham entdeckt worden bin, hatte ich natürlich Pläne. Vielleicht wäre ich nach Oxford gegangen, oder an die Stanford Universität. Vielleicht wäre ich auch an der Schauspielschule gelandet. Das hätte mir, glaube ich, alles gut gefallen. Aber ich bin durch Zufall in die Welt der Popmusik geraten. Und da war ich nun. Ich musste das Beste daraus machen, und ich glaube,das habe ich auch getan.

SF: Bist du glücklich, dass die Dinge gelaufen sind, wie sie gelaufen sind?

MF: Nun, ich habe glücklich zu sein, nicht wahr? Bereuen bringt einen nicht weiter. Ab und zu denke ich mal: Oh man, ich bin im falschen Leben gelandet. Aber es war auch einfach alles sehr aufregend: Ins Aufnahmestudio gehen, Platten aufnehmen, diese ganzen großartigen Musiker kennenlernen … Nicht nur die Stones, sondern auch The Who, die Beatles. Das ging los mit 17 Jahren. Vielleicht war ich zu jung, aber so war es nun einmal.

SF: Bist du der Meinung, dass Jungsein ein begehrenswerter Zustand ist?

MF: (lacht) Also ich wäre natürlich gerne jung – aber ich bin es nun mal nicht. Das Wichtigste beim Erwachsensein ist Akzeptanz. Kämpfe nicht dagegen an, akzeptiere es und mach einfach weiter. Im Kopf bin ich der gleiche Mensch wie früher, nur mein Körper spielt nicht mehr so mit.

SF: Wärst du gerne heutzutage jung?

MF: Jetzt? Nein, ich glaube das wäre ich nicht. Ich glaube, ich war zur bestmöglichen Zeit jung.

SF: Warum?

MF: Es war einfach besser. Alles heutzutage ist so geradlinig, konformistisch. Die Welt ist schrecklich, ich würde es hassen, in sie hineingeboren zu werden und in ihr jung sein zu müssen. Gut, dafür hätte man natürlich wiederum die Entschädigung, jung zu sein! (lacht)

SF: Was heißt Jungsein, was macht das aus?

MF: Nun, du bist sehr hübsch. Dir geschehen viele spannende Dinge, du verliebst dich! In meinem Fall hat das aber nicht sehr lange gehalten. Ich glaube ich war ziemlich naiv, diesen ganzen Mist wie wahre Liebe zu erwarten.

SF: Ist man zu optimistisch, wenn man jung ist?

MF: Optimistisch würde ich nicht sagen. Naiv auf jeden Fall – ich habe nie gelernt, jemanden zu lieben, bis ich 50 Jahre alt war – ich habe das davor nicht realisiert. Aber ich hatte so ein Gefühl, dass irgendwas nicht stimmen könnte mit mir. Als wäre da eine Glaswand zwischen mir und der Welt. Und irgendwann war die Wand einfach weg. Das ist vielleicht einer der wenigen Vorteile am Erwachsensein: Man ist reif genug, einen Menschen zu lieben. Auch wenn die ewige Liebenatürlich eine komplette Illusion ist.

SF: Aber trotzdem glauben die Leute daran …

MF: Natürlich, warum sollten sie nicht? Es macht sie glücklich.

SF: Hast du davon geträumt?

MF: Ich war zumindest sehr romantisch, ich habe Gedichte von Keats, Shelley und Byron gelesen – da geht es ja nur um die Liebe.

SF: Und heute?

MF: … liebe ich all diese Dichter noch immer, ich lese noch immer eine Menge. Zwischendurch muss ich aber spazieren gehen. Ich habe mich wirklich verletzt, bei diversen Unfällen, und muss daher eigentlich die ganze Zeit laufen, damit es halbwegs zu ertragen ist.

SF: Klingt, pardon, beschissen.

MF: Ist es. Und ich muss daran arbeiten. Jeden Tag Übungen, Massagen … Aber ich habe gute Ärzte. Und schließlich bereite ich ein neues Album vor, ich kann mir nicht erlauben, dass es mir schlechter geht – und das will ich ja auch gar nicht. Ich will leben, ich habe immer noch eine Menge beizutragen. Nur weil mein Körper nicht mehr richtig funktioniert, ist das keine Entschuldigung, aufzugeben.

Interview: Sally Fuls
Bild: Roy Cummings, picture alliance

Dieser Beitrag erschien in der zweiten Ausgabe der Numéro Berlin #Jugend.

 

 

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