Im Interview: Kathryn Andrews

02.12.2019, Allgemein Kultur Kunst
 
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Die Künstlerin Kathryn Andrews erweckt ikonische Requisiten
des Hollywoodfilms zum Leben. Vergessene Objekte, aus
billigen Materialien gefertigt, werden zu Symbolen, die
Geschichten von Exzess, Gewalt und Vergänglichkeit
erzählen. Nicht nur von materieller Vergänglichkeit. Denn
auch die Kultur verwittert.
Numéro: In den Arbeiten, die du für diese Ausgabe
zusammengestellt hat, spielen ikonische Requisiten aus
Hollywood-Filmen die zentrale Rolle. Würdest du sagen, dass
in deiner Kunst etwas typisch Amerikanisches liegt?
Kathryn Andrews: Ich beantworte diese Frage, nachdem ich
gerade Das große Fressen geschaut habe. Beim Popcorn- Essen dachte ich, wie toll doch der Tod ist, hat man erstmal
alles konsumiert. Letzte Nacht habe ich nochmal eine alte Folge
Game of Thrones angesehen. Die, in der es um die Vorbereitungen
auf die Invasion der Eiszombies geht. Die Lebendigen
versuchen, die ohnehin Toten noch toter zu machen. Das
bringt mich zum Lachen.
N: Weil das typisch amerikanisch ist?
KA: Wir Amerikaner hassen es, wenn wir nichts mehr zu
essen, zu ficken und zu töten haben. Nach dem Motto:
„Piksen wir es doch noch mal! Ist es wirklich tot?” Und ja,
auch meine Kunst hat damit zu tun.
N: Was interessiert dich an Filmrequisiten?
KA: Beinahe hätte ich den Finger von ET gekauft. Ich habe
ihn in Calabasas gesehen. Er kostete gar nicht mal so viel,
weil das Material langsam verwitterte. Ich liebe diese
Requisiten. Sie haben diese große, bedeutsame Geschichte,
aber bestehen oft aus einfachen Materialien, die mit der Zeit
verwittern, bis man den ursprünglichen Gegenstand kaum
mehr erkennt. Alles vergeht oder transformiert sich ständig.
In gewisser Weise sind Requisiten ein Symbol dafür.
N: Du hast den metallenen Arm des T-1000 aus Terminator 2 gekauft. Wie war es, als du den zum ersten Mal in der Hand
gehalten hast?
KA: Als er per Post bei mir zu Hause ankam, war ich ein
bisschen geschockt. Er war ganz schön ramponiert. Ich war
mir erst nicht sicher, ob die Hand in diesem Zustand noch
ihre Geschichte erzählen kann. Das ist natürlich auch
amüsant, weil die Figur im Film ihren metallischen Körper in
jede erdenkliche Form verwandeln kann.
N: Wenn der Film abgedreht ist, werden diese ikonischen
Requisiten zu Marginalien. Sie verlieren ihren Zauber.
KA: Sie werden nutzlos. Relikte, die wie eine Werbung für ihr
vergangenes Leben wirken. Ich mag es, wie sie unser
kollektives Gedächtnis triggern. So lange jedenfalls, wie wir
ihren Kontext kennen, woher sie kommen, aus welchem Film
sie stammen. Dabei ist es natürlich wichtig, dass sie echt
sind, was meistens irgendein Zertifikat beweist. Dann liegt in
ihnen eine gewisse Macht. Ich mag es, sie quasi
zurückzuholen, ihre Funktion zu revitalisieren.
N: Wie wählst du sie aus?
KA: Vor ein paar Jahren kaufte ich Filzstoffe mit Polka-Dot-
Muster. Sie wurden in einer Fernsehshow verwendet und
waren in einem guten Zustand. Aber natürlich abstrakt, denn
ihre Geschichte war unklar, abgesehen von dem Zertifikat,
das ihre Echtheit bewies. Da stand, dass sie einst Teil eines

Vorhangs waren, der hinter der berühmten amerikanischen TV-Puppe Howdy Doody in der gleichnamigen 50er-Jahre- Kinderserie hing. Der Vorhang verrottete mit der Zeit, aber das Polka-Dot-Filz blieb. Die Idee, billiges Material zu bewahren, fasziniert mich. Als ob die Präsenz von Howdy Doody durch die Polka Dots auferstehen würde. In meiner Arbeit führe ich sie quasi an ihren Ursprung zurück. Ich klebte sie an ein lebensgroßes Bild des Sets mit dem Vorhang und der Puppe. Genau dahin, wo sie ursprünglich waren. Der wertlose Stoff bekam seine alte Bedeutung zurück.

N: Repräsentieren die Requisiten etwas Spezifisches für dich?
KA: Die Howdy-Doody-Dots habe ich verwendet, weil mein
Stiefvater die Figur liebte. Es hatte also persönliche Gründe.
Gleichzeitig fand ich Howdy Doody immer altmodisch. Die
Puppe gehörte zu einer anderen Generation. Es geht also
auch um Zeit und Verlust. Ich mag es, mich mit Objekten zu
beschäftigen, die für viele Menschen eine große Bedeutung
hatten, für mich aber nicht. Viele meiner Arbeiten handeln
von Figuren, mit denen ich mich nicht identifiziere:
Serienkiller, Mordopfer, Superhelden und so.
Howdy Doody ist in dieser Reihe eher ein stiller Charakter, eine Ausnahme. Grundsätzlich haben alle Figuren oder Objekte eine
Bedeutung in der amerikanischen Kultur.
N: Viele der Requisiten, mit denen du arbeitest, sind mit
Gewalt assoziiert. Im Film wird Gewalt oft auf eine brillante,
verführerische Art zelebriert. Warum ist die amerikanische
Kultur so besessen davon?
KA: In der amerikanischen Geschichte spielt Gewalt eine
große Rolle. Sowohl im Land als auch in der Welt.
Ironischerweise wird sie immer im Namen der Freiheit
angewendet. Ich bin mir aber nicht sicher, ob sich die USA
darin von anderen Ländern unterscheiden. Ich denke, die
landschaftlichen und klimatischen Bedingungen von
Kalifornien spielen bei der Antwort auf diese Frage eine
größere Rolle. Das Wetter von Kalifornien bietet ideale

Bedingungen für Filmemacher. Dadurch ist eine riesige

Industrie entstanden, die ständig auf der Suche nach
Geschichten ist. Und Gewalt verkauft sich gut, nicht nur in
den USA.
N: Was interessiert dich daran?
KA: Ich möchte Kunst zu Charakteren oder Themen machen,
die gegen das Klischee gehen, das man von einer weiblichen
Künstlerin erwartet. Es gehört sich für eine Frau nicht, sich
mit Gewalt zu beschäftigen. Genau das interessiert mich.
N: Was verbindet die Arbeiten, die du in Numéro Berlin zeigst?
KA: So wie, sie hier zu sehen sind, könnte man sie nie in
einer Ausstellung sehen. Es ist eine Herausforderung, so
viele Skulpturen zu verschiffen. Ich denke viel über Begehren
und Konsum nach und wie beider Exzess eine Perversität ist.
Das wird hier wohl deutlich.
N: Welche Requisite magst du am liebsten?
KA: Ich bin mir sicher, dass einige bedeutsamer sind als
andere. Zum Beispiel Carries Outfit in The Matrix, weil viele
damit den Kampf um die Freiheit vom „System“ verbinden.
Oder die Münze aus Der Prinz von Zamunda, auf der Eddie
Murphy abgebildet ist. Sie steht für Black Power und gegen
Alltagsrassismus. Die ist wahrscheinlich mein
Lieblingsobjekt. Einer der Gründe, warum ich aus Alabama
weggezogen bin, hat mit dem Sexismus und Rassismus zu
tun, der dort herrscht. Aber auch Mel Gibsons Pistole aus
Lethal Weapon steht ganz oben auf meiner Lieblingsliste. Um sie zu kaufen, musste ich registrierte Waffenbesitzerin werden. Um die Arbeit zu verkaufen, musste ich die Waffe unbrauchbar machen, weil es das Gesetz verlangt. Wenn ich sie in meiner Arbeit sehe,
macht mein Herz einen Sprung. Denn ich persönlich sehe in
ihr nichts anderes als eine Waffe.
Interview: Hendrik Lakeberg
Abbildungen: Kathryn Andrews, courtesy König Galerie
Dieser Beitrag erschien in der sechsten Ausgabe der Numéro Homme Berlin.

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