Im Interview: Vincent Cassel

16.12.2019, Allgemein Interview
 
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Gibt es mehr, als wir mit dem bloßen Auge sehen können? Der großeSchauspieler Vincent Cassel meint: unbedingt.Trotzdem findet erHalt eher bei Carlos Castaneda und Jiddu Krishnamurti alsbei Gott. Ein Gespräch über die Macht von Religion und seine Angst vor der nächsten Ayahuasca-Zeremonie. Vincent Cassel hätte nach Hass nur noch Autowerbungmachen k.nnen und es wäre egal gewesen. Zumindest für Fans von Kids und Menace II Society war MathieuKassovitz’ Schwarzwei.film über Polizeigewalt,Hip-Hop und Freundschaft in den Pariser Banlieusderart prägend, dass sich der Schauspieler damit einen schier unverbrauchbaren Coolness-Vorschuss verdiente Selbstverständlich findet sich in Vincent Cassels Rollenauswahl nach seinem Durchbruch mit Hass im Jahr 1995 auch der eine oder andere Flop. Aber eben auch von der Kritik hochgelobte Filme wie Irreversible, Black Swan und Xavier Dolans Einfach das Ende der Welt. Das französische äquivalent zum Oscar, den Cäsar, gewinnt Cassel eh regelmäßig.

In seinem Heimatland gilt Vincent Cassel als Macho, ein von Gauloises und Armagnac gest.hlter Brad Pitt. Paris Match und Co finden ihn seit Ende der 1990er besonders wegen seiner Ehe mit Monica Bellucci höchst interessant. Das sp.tere Bondgirl war auch seine Filmpartnerin in Irreversible, dem nur schwer auszuhaltenden Vergewaltigungsfilm. Seit 2018 ist Vincent Cassel mit dem Model Tina Kunakey verheiratet. Das Spiel des Kampfsportlers Cassel ist extrem körperbetont. Lange Jahre trainierte er Capoeira. Mit 19 zieht es ihn erstmals nach Brasilien, um die einst von Sklaven aus Angola importierte Kampfkunst vor Ort zu lernen. Das Land von Bossa Nova und Samba hat ihn nie wieder losgelassen: Seit ein paar Jahren veranstaltet er das Onda-Carioca-Musikfestival an der französischen Atlantikküste. Wikipedia weist ihn zudem seit 2013 als Einwohner Rio de Janeiros aus. Am Telefon mit Numéro Homme Berlin stellt sich schnell heraus: der Wikipediaeintrag ist veraltet, Vincent Cassel ist vor Kurzem wieder nach Paris gezogen.

HANS BUSSERT: Sie haben lange in Brasilien gelebt: Wie haben Sie dort Candombl, eine dem Voodoo ähnlichen Religion, erlebt?

VINCENT CASSEL: Der Umgang mit Religion in Brasilien ist ein bisschen ambivalent – fast wie bei jemanden mit einer multiplen Persönlichkeit. Viele Brasilianer sind katholisch und gehen sonntags in die Kirche. Sie gehen aber auch ans Meer und werfen Blumen für Yemanjà ins Wasser, die im Candomblé die Göttin des Meeres ist. Sie bedienen sich verschiedener religiöser Einflüsse und machen daraus ihren eigenen Glauben. Christliche Ideen werden mit afrikanischem Spiritualismus verknüpft. Das ist ein sehr eigenwilliger Zugang zu Religion.

HB:Wie muss man sich eine Candombl.-

Zeremonie vorstellen?

VC:

Das zentrale Element sind die Musik und

ihr Rhythmus. Die Gl.ubigen tanzen,

und an irgendeinem Punkt gibt es immer

jemanden, der in Trance f.llt. Die Person

zuckt und stürzt zu Boden. Dann hei.t es, es

sei dieser oder jener Geist, orixá genannt,

der in sie gefahren ist. Am Ende steht eine

Erfahrung, die Heilung oder nützliches

Wissen verspricht. Es ist ein bisschen wie im

Theater, alles ist Simulacrum. Die Anh.nger

zelebrieren ihren Glauben, in dem sie die

Rituale vollziehen. Durch den Akt und den

Glauben an dessen Wirksamkeit wird dieser

wahr.

HB:

Auch beim Capoeira berichten Wettk.mpfer

immer wieder von tranceartigen Zust.nden.

VC:

Capoeira ist in erster Linie ein Spiel, kein

Wettkampf. Es geht darum, das Spiel am

Laufen zu halten. Wenn man es darauf

anlegt, seinem Gegenüber bei der jeder

Gelegenheit eine reinzuhauen, dann ist das

Spiel schnell zu Ende. Deshalb versucht man,

auf die Bewegungen seines Gegenübers

zu reagieren und ihn zu überraschen, aber

auch nicht unbedingt zu überfordern. So

steigert man sich gemeinsam hoch, bewegt

sich schneller und schneller und irgendwann

macht man Sachen, von denen man nicht

geglaubt hat, dass man dazu k.rperlich

überhaupt in der Lage ist. Und ja, das hat

dann was von Trance.

HB:

Anh.nger fern.stlicher Kampfsportarten

oder K.rperpraktiken leiten daraus oft

eine Lebensphilosophie ab. Wie ist das mit

Capoeira?

VC:

Nun, man nimmt etwas, dass potentiell

gegen einen ist und wandelt es in etwas

Sch.nes um. Natürlich kann man das als

Metapher auf’s Leben lesen. Es ist aber auch

eine Metapher für die Schauspielerei. Am

Set muss man auf alles gefasst sein. Man ist

bestm.glich vorbereitet und trotzdem wei.

man nie genau, was einen erwartet. Man

muss also improvisieren k.nnen. Das gleiche

gilt beim Surfen. Du wei.t nie genau, wie die

Welle bricht und wie sie l.uft. Also passt du

dich an den Moment an. Irgendwie gilt das

doch für alles: Man muss immer offen sein

für den Moment und versuchen, das Beste

draus zu machen.

HB:

Gibt es in Ihrer Karriere einen Film, bei dem

Sie besonders viel improvisieren mussten

– der aber auch gerade deshalb zu etwas

Besonderem wurde?

VC:

Das war Irreversible von Gaspard No.. Das

Drehbuch hatte nur zw.lf Seiten. Zw.lf

Seiten für zw.lf Szenen. Natürlich hat

Gaspard No. am ersten Tag am Set erkl.rt,

was er wollte. Als ich fragte, wie lange

die erste Szene sein sollte, antwortete er:

alles zwischen zwei und zwanzig Minuten.

Dazwischen gibt es viel Platz. Viel Platz

für Improvisation – gerade, weil es keinen

gescripteten Text gab. Ich war oftmals

überrascht von mir selbst und von dem, was

ich da spielte. Aber auch wenn es einen Text

gibt, den man auswendig lernt, ist Schauspiel

immer Improvisation. Wie betont man etwas?

Wie spielt man beim Sprechen? Wie reagiert

der Partner? All das ver.ndert das Ergebnis.

HB:

Sind Sie ein religi.ser Mensch?

VC:

Nein, überhaupt nicht. Aber mich fasziniert

der menschliche Glaube. Religion ist imme

Teil der Kultur eines Landes. Selbst wenn

man nicht daran glaubt, ist man doch mit

den Geschichten konfrontiert, die sich die

Gl.ubigen erz.hlen, um sich das Leben zu

erkl.ren und es auszuhalten. Darüber erf.hrt

man viel über die Befindlichkeiten eines

Landes. Also finde ich Religion per se erst

einmal interessant. Für mich selbst k.men

aber eher Ideen von Carlos Castaneda oder

von Jiddu Krishnamurti in Betracht.

HB:

Warum gerade die beiden?

VC:

Letztendlich ist es das Gleiche wie beim

Capoeira. Es geht darum, dem Leben

m.glichst offen gegenüber zu treten. Keine

Pl.ne zu haben oder zumindest keine, die

zu verwerfen man nicht bereit ist. Sich

selbst und seinen F.higkeiten zu vertrauen.

Sich aber auch von Moralvorstellungen zu

befreien und die Dinge für sich selbst zu

bewerten. Das entdecke ich am ehesten bei

Castaneda und Krishnamurti.

HB:

Ich nehme an, dass deren Lehren erst sp.ter

in Ihrem Leben eine Rolle spielten. Welchen

Stellenwert hatte Religion in Ihrer Familie?

VC:

Meine Eltern waren christlich-jüdisch

gepr.gt. Aber Religion hatte bei uns zuhause

keine so gro.e Bedeutung. In dem Pariser

Viertel, in dem ich aufwuchs, lebten viele

Muslime. Damals gab es einen entspannteren

Umgang mit der Religion. Das hat sich erst

mit der Zeit ver.ndert, einige Leute haben

sich einer strikteren Anwendung ihres

Glaubens zugewandt. Früher gab es diesen

Hardcore-Ansatz nicht. Zumindest habe ich

das so nicht erlebt.

HB:

In Hass, Mathieu Kassovitz’ Film von 1995,

in dem Sie einen Jugendlichen aus den

Banlieus spielen, wird Religion gar nicht

thematisiert.

VC:

In den 90er-Jahren haben sich die Leute

darüber einfach keine Gedanken gemacht.

Man sprach zumindest nicht drüber. Meine

Generation hat erst nach 9/11 wieder damit

angefangen.

HB:

Sie sind also nicht religi.s. Würden Sie

sagen, dass Sie trotzdem spirituell sind?

VC:

Ich bin kein Atheist. Ich sehe mich

eher als Agnostiker. Religion ist immer

menschengemacht. Mein Verh.ltnis zur Welt

definiert sich durch meine Erfahrungen und

dadurch, wie ich durchs Leben gehe. Den

gr..ten Respekt habe ich vor dem Leben

selbst. Und ich glaube, dass da mehr ist,

als wir mit dem blo.en Auge sehen k.nnen.

Unbedingt. Das haben mich auch meine

Erfahrungen mit psychotropen Pflanzen

wie Ayahuasca gelehrt. Das Unbewusste,

die Bilder und Archetypen, die wir mit uns

herumtragen, sind unglaublich m.chtig.

HB:

Nun eignet sich eine Ayahuasca-Zeremonie

nicht als t.gliches Gebet.

VC:

Das stimmt. Das Erlebnis war für mich jedes

Mal wahnsinnig intensiv. Auch wenn meine

letzte Zeremonie ungef.hr zehn Jahre

zurückliegt – wenn mich heute jemand

anriefe und sagt: Wir nehmen morgen

Ayahuasca, h.tte ich ziemliche Angst. Man

wei. einfach nie, was einen erwartet. Das

Erlebnis h.ngt immer davon ab, wie einem

gerade geht und wo man steht in seinem

Leben. Aber ich zehre auch immer noch von

diesen Erlebnissen. Man lernt, dass es sowas

wie Normalit.t eigentlich nicht gibt im Leben.

Normalit.t ist das, was wir dazu erkl.ren.

HB:

Wir haben vorhin über Geister gesprochen.

Hatten Sie jemals das Gefühl, dass Ihnen

jemand etwas B.ses will, wenn Sie mal eine

schlechte Phase hatten?

VC:

Nein. Aus dem einfachen Grund: Ich glaube

nicht an Geister.

HB:

Sie hatten also keine Angst vor der Voodoo-

Puppe, die unser Fotograf mit am Set hatte?

VC:

(Lacht). .berhaupt nicht. Aber auch das

war für mich ein klassischer Fall, irgendwo

hinzukommen, nicht zu wissen, was einen

erwartet und trotzdem das Beste draus

machen. Ich würde sagen, es hat geklappt.

Interview: Hans Bussert

Fotos: Joe Lai

Dieser Beitrag erschien in der zehnten Ausgabe der Numéro Homme Berlin.

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