Im Gespräch mit Künstler Kenta Cobayashi

17.04.2020, Interview Kunst Mode
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Für seine neue SS20 Herrenkollektion kooperierte Dunhill mit dem jungen japanischen Künstler Kenta Cobayashi. Für die Designs suchte Kreativdirektor Mark Weston vier Bilder aus dem Archiv Dunhills aus, die Cobayashi dann für die ihn typische Art digital umgestaltete. Wir haben den Künstler zum exklusiven Interview getroffen.

NB: Gratulation zu einer gelungenen Kollektion mit Alfred Dunhill! Was war das Interessanteste für dich an diesem Projekt?

KC: Wenn man über Mode spricht, dann sagt man meistens immer dasselbe, aber bei Dunhills’ Kollektion war ich wirklich begeistert von der hohen Qualität der Schnitte und den wunderschönen Formen. Da ich digital arbeite, habe ich ein bisschen das Bewusstsein für Texturen, Materialien und deren Verarbeitung verloren. Aber die Kollektion von Mark (Weston) hat mir die Augen geöffnet und mir klargemacht, dass ich haptische Dinge mehr wertschätzen muss.

NB: Neben Alfred Dunhill hast du auch schon mit Louis Vuitton zusammengearbeitet. Was hat dich zur Mode geführt?

KC: Mark hat meine Arbeit auf der Photo London 2016 gesehen und mich direkt kontaktiert. Da ich damals noch kein besonders bekannter Künstler war, war ich ziemlich beeindruckt von seinem guten Auge. Zu meinen Projekten mit Louis Vuitton kam es durch eine Galerie in Los Angeles namens „Little Big Man“. Diese hat mich damals für die Kampagnen vorgeschlagen. Wir haben dafür in Shinjuku und Sizilien geshootet mit der besten Crew überhaupt! In Shinjuku habe ich auch Virgil Abloh getroffen. Valentinos’ Pierpaolo Piccioli kam vor einigen Jahren ebenfalls in mein Studio. Alle Kreativdirektoren der Top Maisons sind extrem faszinierend von mir. Es war eine großartige und wertvolle Erfahrung, einige von ihnen persönlich getroffen zu haben.

NB: Was hast du aus diesen Begegnungen mitgenommen?

KC: Sehr komplexe Werke und weiterhin die ultimative Frage: „Was ist Kunst?“ Wir befinden uns in einer Ära, in der sich die Gesellschaft durch die schnelle Entwicklung von neuen Technologien drastisch verändert hat. Das führt dazu, dass wir die wahre Bedeutung von Kunst und Mode hinterfragen. In so einer Zeit hat mich Mark sehr inspiriert, der online mit jungen Künstlern aus Fernost kollaboriert. Außerdem habe ich angefangen zu begreifen, wie wichtig der Aspekt der „Coolness“ ist, um mich und meine Kunst in so einer Szene zu repräsentieren.

NB: Inwiefern passen deine Arbeiten überhaupt zur Mode?

KC: Ich denke Fotografie ist in vieler Hinsicht sehr ausbau- und anpassungsfähig. Es geht in der Fotografie nicht unbedingt nur darum, sich als Künstler auszudrücken, sondern auch darum, Frequenzen seiner Umgebung aufzusammeln. Genauso ist es in der Mode auch. So, wie eine Person in einem Foto zur Kunst wird, wird auch eine Person in einem wunderschönen Look zum Kunstwerk. Deswegen glaube ich, dass es eine hohe Affinität zwischen Fotografie und Mode gibt.

NB: Welche Rolle spielt Mode in deinem Leben?

KC: Mode ist eine Industrie ist, die es versteht, mit dem „Verlangen“ der Menschen zu arbeiten. Über die Jahre hat sie es sogar geschafft, eine Technik zu entwickeln, die dieses „Verlangen“ selbst erzeugt. Das gibt ihr viel Macht, die wiederum viel Gutes mit sich bringen kann. Wenn beispielsweise niemand das Verlangen nach Wissenschaft hat, dann entwickelt sich die Gesellschaft auch nicht weiter. Aber wie nutzen wir das? Diese Frage sollte die neue Generation an Designern beantworten.

NB: Aus der Pressemitteilung zur Frühjahrs-Kollektion von Alfred Dunhill liest man, dass du Inspiration aus dem sich ständig verändernden Stadtbild Tokios und seiner aufstrebenden Kunstszene ziehst. Inwiefern verändert sich Tokio und wohin entwickelt sich seine Kunstszene?

 

KC: Wenn man die Stadtbezirke in Tokio miteinander vergleicht, dann ist Shibuya auf jeden Fall derjenige, der sich am meisten verändert. Immer, wenn ich dort bin, gibt es irgendetwas Neues. Ständig sprießen neue Gebäude aus dem Boden und alle haben sie eine ganz individuelle Architektur. Die Skyline ist sehr einzigartig geworden. Und jetzt sind wir sogar Austragungsort der olympischen Spiele. Ich würde nicht behaupten, dass mich jedes neue Projekt interessiert, aber man kann sagen, dass Tokio immer dynamischer wird. Dementsprechend versuchen auch die Menschen zunehmend aus alten Strukturen auszubrechen und andere Richtungen einzuschlagen. Dieses Fließende, was gerade vor sich geht, ist eine Riesen Inspiration für mich. Was die Kunstszene selbst angeht, da befasse ich mich viel mit unterschiedlichsten Formen von Kollektiven, von denen sich immer mehr bilden.

NB: Wieso, glaubst du, gibt es ausgerechnet in Japan so viele Kollektive?

KC: Japan hat traditionell einen gewissen Sinn für Harmonie, was bedeutet, dass wir eine sehr gemeinschaftsorientierte Kultur haben. Diese Kultur bringt allerdings auch einen gewissen Druck zur Konformität mit sich. Ich bin aber davon überzeugt, dass die neue Generation versucht, sich davon frei zu machen.

NB: Als Student hast du ja selbst in einem Künstlerkollektiv namens „Shibuhouse“ gelebt. Erzähl uns etwas über diese Zeit. Wie hat sie dich als Person und als Künstler beeinflusst?

KC: Im „Shibuhouse“ haben mehr als 40 Künstler zusammen in einem Luxushaus im Zentrum Shibuyas gelebt. Das war 2015. Wir haben viel Zeit zusammen verbracht und zusammen an unseren Werken gearbeitet. Diese Erfahrung machte mir klar, dass ein Kollektiv selbst eine Form von Kunst sein kann. 

Ich bin zwar kein Philosoph, aber ich habe angefangen mir Gedanken darüber zu machen, was für eine Art von Leben wir eigentlich wollen. Sollten wir als Familie enge Beziehungen pflegen, nur, weil sie auf uralten Verständnissen, wie dem Bezug zwischen Vater und Sohn, basieren? In der japanischen Geschichte gab es eine Zeit, etwa zwischen 1600 und 1870, in der eine Lebensart namens „Nagaya“ weit verbreitet war. Es war eine Kultur, in der eine Gemeinschaft sich um alle Kinder gemeinsam gekümmert hat und nicht nur die Eltern um ihre jeweils eigenen. Für mich war „Shibuhouse“ eine Alternative Form von Familie in meinen frühen 20ern. Nun bin ich Mitglied des Kollektivs „RSEL Terakoya“ in Shonan und recherchiere das Leben und neue Formen von Gemeinschaften.

NB: Wie bilden sich solche Künstlerkollektive in Japan?

Als ich noch im „Shibuhouse“ gewohnt habe, waren Twitter und Facebook sehr beliebt. Darüber haben wir ständig kommuniziert und uns persönlich getroffen, um verschiedene Kollektive auf innovative Weise zu organisieren. Heute ist dafür YouTube viel angesagter.

NB: Wie unterscheidet sich die moderne japanische Kunst vom Rest der Welt? 

KC: Im Vergleich zur westlichen Kunst, die fest in ihrer Kultur verankert ist und sich gemeinsam mit ihr entwickelt hat, hat die moderne Kunst in Japan noch keine Wurzeln in der Kultur geschlagen, weil sie erst nach dem Zweiten Weltkrieg importiert wurde. Davor gab es nur traditionelle Kunst. Deswegen haben alle japanischen Key-Player und Künstler keine andere Wahl, als sich ihren Namen eher in der westlichen Kultur zu machen. So wird auch der Kollektiv-Gedanke attraktiver, weil man damit auch in der Heimat für sein Schaffen wertgeschätzt wird. 

NB: Was geht in deinem Leben gerade vor sich?

Ich habe Tokio mittlerweile verlassen und mich vor drei Jahren einem neuen Kollektiv in Shonan angeschlossen, das ist in Kanagawa. Das Ganze kann man sich ein bisschen wie eine Privatschule vorstellen, die sich auf ein neues Bildungssystem fokussiert. Leute in ihren 20ern und 30ern treffen sich dort jeden Abend, um über alles Mögliche zu diskutieren. Meine zukünftigen Arbeiten werden auf jeden Fall meine Erfahrungen auf dieser „Privatschule“ reflektieren.

NB: Was tust du, wenn du gerade mal ideenlos bist?

KC: Das mag sehr simpel klingen, aber ich finde Bildersuchen im Internet sehr faszinierend. Wenn ich ein Wort google, dann mache ich das immer auch über die Bildersuche. Manche Wörter bringen mir ganz unerwartete Ergebnisse und das wiederum gibt mir ganz neue Denkanstöße.

NB: Was gefällt dir bzw. stört dich an der aktuellen Kunstwelt?

KC: Wenn ich nachdenkliche und freundliche Menschen treffe, dann bin ich immer wieder froh und dankbar darüber zur Kunstszene zu gehören. Auf der anderen Seite gibt es dort aber auch sehr arrogante Menschen, die auf alle herabschauen, die in anderen Branchen arbeiten. 

NB: Wer sind deine Lieblingskünstler?

KC: Ganz klar „RAMM:ΣLL:ZΣΣ“. In unserer Freizeit übersetzen ich und ein Freund von mir gerade sein Essay ins Japanische.

NB: Womit füllst du deine Freizeit sonst noch?

KC: Am liebsten sitze ich mit meinen Freunden um Mitternacht am Strand von Shonan am Lagerfeuer. Wir machen das ein bis zwei Mal jährlich, das ist mein absolutes Highlight. 

NB: Heute bist du für deine Fotografien bekannt. Ursprünglich hast du aber Malerei studiert. Wie würdest du deine künstlerische Entwicklung beschreiben?

KC: Die meisten Menschen betrachten Malerei und Fotografie als verschieden Dinge. Für mich folgen beide quasi demselben Prinzip. Als Kind habe ich mit einer Software namens „Kid Pix“ gespielt, in der die Fotofunktion genau so funktioniert hat, wie die Malfunktion. Als Teenager beschäftigte ich mich mit „Print Club“ (japanischer Fotoautomat), bei dem Grafik und Fotografie zu einem verschmelzen. Ich glaube, dass meine Generation, die es gewohnt ist, gleichzeitig Songs aus den 60ern und aus den 2000ern über YouTube zu streamen, kein Problem damit hat, Genres und verschiedene Kontexte zu mixen.

NB: Warum spielen Verzerrungen so eine große Rolle in deinen Kunstwerken?

KC: Verzerrungen erfüllen in meiner Arbeit eine Menge an verschiedenen symbolischen Funktionen. Zum einen die Verzerrung der Wahrnehmung. Wir gehen immer alle davon aus, dass es nur eine Wahrheit gibt, die wir dementsprechend alle gleich wahrnehmen müssten. Aber jeder schaut auf diese Welt aus unterschiedlich verzerrten Winkeln. Was wir tun müssen ist, diese Blickwinkel miteinander zu verbinden, um so ein Bild von der eigentlichen Wahrheit zu bekommen.

Die andere Funktion ist die Verzerrung von Zeit und Raum. Ich interessiere mich brennend für die Theorie, dass wir nicht in einem Universum, sondern einem Multiversum leben. Als Amateur beschäftige ich mich sehr viel damit. Es gibt eine Studie, die besagt, dass die Schwerkraft eine mysteriöse Kraft ist, die als einzige das gesamte Multiversum durchquert. Mir gefällt diese Idee und deswegen beschäftigt sich meine Ästhetik oft mit der Frage, warum wir uns so von Bewegungen angezogen fühlen. Für mich sind alle meine Fotografien eine Metapher für das Universum und das einzige, was wirklich durch die verschiedenen Welten gelangt, sind Bewegungen, Stöße und Verzerrungen. 

NB: Was zählst du zu deinen bisher größten Erfolgen?

KC: Ich habe schon so einige Projekte gestemmt. Ausstellungen im Ausland und Kollaborationen mit großen Modehäusern. Für einen jungen Künstler wie mich war das alles immer eine riesige Ehre und ich weiß gar nicht, ob ich das überhaupt alles verdient habe. Ich habe mir das Ziel gesetzt in meinen 30ern ein außergewöhnliches Kunstwerk zu kreieren und ich arbeite daran. 

NB: Können wir noch weitere Projekte in der Mode von dir erwarten?

KC: Ich denke vorerst nicht. Ich möchte mich jetzt erst einmal wieder auf meine eigene Kunst konzentrieren und an anderen Dingen arbeiten. Ich interessiere mich derzeit zum Beispiel sehr für Keramik. In Zukunft möchte ich mehr in Teams arbeiten. Und tiefgründiger, um meine Projekte bedeutungsvoller machen. 

NB: Wie würdest du deinen derzeitigen State of Mind beschreiben?

KC: Ich befinde mich in einer Vorbereitungszeit.

Cobayashis Kunst ist seit Ende Februar in einer Solo-Ausstellung im „Little Big Man“ in Los Angeles zu sehen. 

 

Interview: Ann-Kathrin Lietz

Bilder: PR

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