Queens Of Eastern Europe Vol. I – Behind The Curtain

30.04.2020, Fotografie Kultur Kunst
30

In der Unterhaltungsbranche, der Clubszene und sogar der Politik treten Drag Queens in vielen Ländern Westeuropas schon lange öffentlich in Erscheinung. Das macht deutlich, dass die Protagonisten dieser Szene längst nicht mehr nur ein Schattendasein als Teil homosexueller Subkultur im Untergrund führen. Spätestens mit der amerikanischen Reality-Show „RuPaul’s Drag Race“ – Amerikas Suche nach dem nächstem Drag-Superstar, die vor allem eine sehr junge, angehende Drag-Generation in zahlreichen Ländern beeinflusst und international einen regelrechten Hype in der Szene auslöste, fanden Drag-Queens nun auch Einzug in die Mainstream-Unterhaltungsindustrie und wurden einem Millionen-Publikum bekannt.
Über osteuropäische Drag Queen-Aktivitäten, die stark mit der homosexuellen Szene verflochten sind, wurde in der Vergangenheit hingegen nur sehr wenig bekannt. Wissenschaftliche Untersuchungen oder Publikationen hierzu findet man kaum. Erst heute beginnen Fotografen, Filmemacher, Schriftsteller, Journalisten und Wissenschaftler, die Geschichte der queeren Szene Osteuropas Stück für Stück aufzuarbeiten. Das hat sowohl historische, kulturelle als auch politische Gründe.

Aber wie lebten und leben Drag Queens diese Subkultur in den Ländern des ehemaligen Ostblocks und welche sozialen, politischen, historischen und kulturellen Einflüsse spielten für das Wirken der Drag Queens in den osteuropäischen Ländern eine Rolle?  

Diesen Fragen gehe ich in meinem aktuellen Fotoprojekt „Queens Of Eastern Europe“ nach. Für die analoge Fotodokumentation begleite ich seit 2018 Drag Queens im Alter von 18 bis 81 Jahren aus insgesamt sechs osteuropäischen Ländern: Lettland, Polen, Ukraine, Russland, Ungarn und Serbien. 

Obwohl ich seit 2015 Drag Queens in Deutschland fotografiere und lange Zeit einen Drag Künstler aus Leipzig porträtierte, wußte ich über die Drag Szene in Osteuropa nicht viel. Ich hatte noch nicht mal eine Ahnung davon, ob in Osteuropa eine Drag Szene existiert und wenn ja, wie Drag in diesem Teil Europas gelebt wird. Für mich war das der Beginn eines Abenteuers, welches mich noch für die kommenden Jahre als Teil meines Lebens begleiten wird. 

Bevor ich im Mai 2018 mit einer kleinen analogen 35mm-Kamera Richtung Osteuropa aufbrach, begann ich schon 2017 zu recherchieren. Zunächst habe mich vor den Rechner gesetzt, LGBTQ-Organisationen in meinen Zielländern angeschrieben, Artikel gesucht, Stunden in der Bibliothek und in Archiven verbracht und Interviews mit osteuropäischen Wissenschaftlern geführt, um ein Verständnis und ein Gefühl für queeres Leben und die Kultur in Osteuropa zu bekommen. Nachdem ich alle verfügbaren Medien durchforstet und mir die Drag-Namen, die dort auftauchten, notiert hatte, schrieb ich einige der Drag Queens über soziale Netzwerke wie Facebook oder Instagram an, habe ihnen mein Vorhaben erklärt. Zu den Queens, mit denen ich so in Kontakt kam, konnte ich dann übers Schreiben und auch Skypen nach und nach ein Vertrauen aufbauen und die Termine für meine ersten Reisen planen.

Es wird oft angenommen, Drag wäre ein Import aus dem Westen und national-konservative Politiker   und Kirchenvertreter in einigen osteuropäischen Ländern verunglimpfen den Kampf für die Akzeptanz queerer Kultur und Lebensvielfalt als westliche Propaganda, die eine Gefahr für die moralische Integrität und das traditionelle Wertesystem der jeweiligen Länder darstelle, vor die man die Gesellschaft zu schützen habe. 

Doch Drag musste jedoch keinesfalls importiert werden – auch brauchte Drag keine westlichen Vorbilder. Selbst wenn ein Einfluss durch Paul’s Drag Race auf die heutige osteuropäische Drag Kultur nicht zu leugnen ist, so existierte Drag in Osteuropa schon lange, bevor RuPaul überhaupt geboren wurde.

Offizielle Erwähnungen von Wegbereitern heutiger Drag Queens in Osteuropa finden sich schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts beispielsweise in Russland und der frühen Sowjetrepublik. Ebenso anhand sehr detaillierter Schilderungen in Lettland während der Besatzung durch die Nationalsozialisten und die Sowjets. 

Um etwas über die Geschichte der Drag-Kultur in Osteuropa nach dem 2. Weltkriegs hinter dem Eisernen Vorhang bis zum heutigen Zeitpunkt zu erfahren, ist es notwendig, gleichsam auch den zeitgeschichtlichen Verlauf homosexuellen Lebens im ehemaligen Ostblock zu betrachten, da beides sehr eng miteinander verwoben ist. 

Homosexuelle Handlungen waren in den meisten osteuropäischen Ländern bis Anfang der 1990er Jahre kriminalisiert. Hinzu kam, dass queere Lebensformen gesellschaftliche stark tabuisiert und teilweise pathologisiert wurden. Ebenso war das Thema Homosexualität sowohl in der Literatur, in Zeitschriften oder Filmen so gut wie nicht existent. Queere Menschen, grade in ländlichen Gegenden hatten kaum die Möglichkeit, sich über ihre Sexualität zu informieren oder auszutauschen. Viele Schwule und Lesben klagten über Feindseligkeit und Intoleranz der Umgebung, unaufhörliche Befürchtungen der Entdeckung, Ängste, das Gefühl der Vereinsamung und Selbstmordgedanken. Die Flucht in den Alkohol, Depressionen oder das Führen eines Doppellebens in heterosexuellen Ehen waren keine Seltenheit bei homosexuellen Menschen.

Offizielle Bars oder andere Treffpunkte für Homosexuelle gab es bis Mitte der 1980er Jahre in keinem osteuropäischen Land. Hinzu kam, dass viele Städte des Ostblocks ein Wohnungsproblem hatten. Es gab nicht genügend Wohnraum und freie Wohnungen wurden bevorzugt an junge Ehepaare und Familien mit Kindern vergeben. Das führte dazu, dass viele Homosexuelle noch mit Anfang 30 bei ihren Eltern lebten und somit auch keine gleichgeschlechtlichen  Bekanntschaften oder feste Freunde mit nach Hause bringen konnten, ohne dabei Gefahr zu laufen, sich outen zu müssen. Viele Schwule in den größeren Städten trafen sich aus dieser Situation heraus versteckt nachts in Parks, öffentlichen Toiletten, Saunen oder Cafés, die inoffiziell von Homosexuellen frequentiert wurden. 

Das waren natürlich keine Orte, an denen man Drag Queens traf oder an denen sich eine Drag-Szene entwickeln konnte. Um gemeinsam zu feiern, verabredeten sich in den osteuropäischen Metropolen Homosexuelle im kleinen Freundeskreis bei jemanden, der eine eigene Wohnung hatte. Dort fanden teilweise auch private Kostümpartys statt auf denen die ersten Drag Queens hinter dem Eisernen Vorhang ihre Leidenschaft für Drag entdeckten, nachdem sie sich für diese Feiern unter Freunden als Frauen verkleideten. Für manche war es nur ein Partyspaß, für andere der Beginn einer Drag-Kariere, die bis heute besteht.

So wie Andrzej (82), den ich durch einen glücklichen Zufall in Warschau kennenlernte und nun schon mehrfach besucht habe. Die Passion, in eine  weibliche Rolle zu schlüpfen wurde bei ihm als junger Mann Ende der 1960er geweckt, nachdem er gemeinsam mit Freunden bei einer Silvesterfeier nach einigen Cocktails die Idee hatte, dass sich alle als Frauen verkleiden könnten. Behelfsmäßig wurden Kleider aus Gardinenstoff zusammen geschustert und Handtücher, um den Kopf drapiert, dienten als Perücken. Später nähte eine gemeinsame Freundin die Kostüme aus einfachen Stoffen und so erschuf Andrzej die Kunstfigur Lulla , die bis heute in der queeren Szene Warschaus bekannt ist. Die Auftritte auf privaten Partys, zu denen er nun immer öfter eingeladen wurde, zogen weite Kreise und ließen ihn in die Warschauer Künstlerszene und die Welt bekannter polnischer Schauspieler, Sänger und Filmemacher eintauchen. Viele Homosexuelle schafften sich damit in einem System, welches ein sehr einengendes Bild vom „sozialistischen Menschen“ hatte, ihre eigenen Freiräume und Farbtupfer im Alltagsgrau des Sozialismus.

Mitte der 1980er Jahre öffnete in Budapest unter dem Einfluss einer – im Gegensatz zu den anderen Ländern des Ostblocks – etwas liberaleren Politik die erste Schwulenbar Ihrer Tür. Zoltán (67), der damals als Jurist arbeitete, hatte in einer solchen Bar seinen ersten öffentlichen Auftritt als Lady Mandarin, nachdem er davor hin und wieder auf privaten Partys im Drag Queen-Outfit erschien. Aus dem privaten Partyvergnügen entwickelte er mit Freunden Shows, die als fester Bestandteil des Nachtlebens die schwule Szene Budapests bereicherten und in den folgenden Jahren bis in die 1990er  hinein eine facettenreiche Drag Queen-Szene in der ungarischen Hauptstadt wachsen ließen. Mittlerweile gibt es mit dem Alter Ego Club jedoch nur noch eine Bar in Budapest, in welcher eine kleine Gruppe von Drag Queens regelmäßig auftritt.

Der Fall des Eisernen Vorhangs und der Zusammenbruch der sozialistischen Diktaturen im Osten in den 1990er Jahren brachte ebenso einen Wandel für das Leben queerer Menschen. Auch wenn das Thema Homosexualität gesellschaftlich weiterhin als marginal und unpolitisch wahrgenommen wurde und queere Themen noch nicht als wesentliche gesellschaftliche Frage in den öffentlichen Diskurs durchdringen konnten, waren die 1990er Jahre die Zeit, in der in Osteuropa queere Projekte ins Leben gerufen wurden. In vielen Ländern wurden die Vereinsgesetze geändert, so dass es nun möglich war, Vereine zu gründen, die sich für die Interessen der queeren Community einsetzten, wie z.B. Lambda in Warschau, der ältesten und größten Organisation in Polen. Es wurden Schwulenclubs eröffnet und die ersten offiziellen Schwulenpartys fanden statt. Zeitschriften, die sich in ihren Artikeln an Homosexuelle richteten, konnten nun offiziell verkauft werden und gaben ihnen damit das erstmal die Möglichkeit, sich über Ihrer Sexualität zu informieren und vielen Menschen – insbesondere in ländlichen Gegenden – konnte das Gefühl gegeben werden, weder krank, noch allein zu sein. Auf diese Weise spielten diese Zeitschriften zu der Zeit eine maßgebliche Rolle für die Entwicklung einer „schwulen Identität“. 

Der halb-private Charakter von Drag Queen-Auftritten verlagerte sich nun in die neu eröffneten Schwulen-Clubs und auf queere Partys. Einige Schwule starteten zu dieser Zeit, die ganz neue Möglichkeiten bot, ihrer Drag-Kariere. Manchmal auch, um dem schwierigen Alltag nach der politischen Wende zu entkommen. 

Vielen Ländern ging es nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Systeme wirtschaftlich nicht gut. Der Wechsel von einer zentral gelenkten Planwirtschaft in die freie Marktwirtschaft forderte nach dem Jubel über die gewonnene Freiheit auch große Opfer wie die Schließung vieler Betriebe und die daraus resultierende Arbeitslosigkeit, die sich auch in den Familien auswirkte. Jakub, der bis heute heute als Drag Queen in verschiednen polnischen Städten auftritt, schildert seine ersten Drag-Erfahrungen Anfang der 1990er Jahre: „Wir wohnten damals in einer dieser typischen Plattenbausiedlung. Alles war sehr beengt und mein Vater hatte keine Arbeit, keine Perspektive mehr, trank viel, schlug mich und meine Mutter. Ich hatte keine Ahnung, wie meine Zukunft aussehen würde. Mein ganzer Alltag war grau. Selbst die Straßen und der Himmel waren grau. Ich wollte etwas Buntes in meinem Leben haben, ich wollte Farben sehen. Drag war genau das, was ich damals brauchte und mein Leben bunter und erträglicher machte.“

Für die queere Identität und damit auch für das Wirken von Drag Queens brachte dann die Jahrtausendwende einen maßgeblichen Schritt nach vorn. 

Die Verbreitung des Internets lieferte neue und und sehr effektive Emanzipationswerkzeuge für die queere Community. Das Internet und seine Möglichkeiten revolutionierten die Aktivitäten der homosexuellen Szene vollkommen und förderten eine neue schwule und lesbische Identität in vielen Teilen Osteuropas. 

Mit Drag Queens im Alter von 18-20 Jahren, die ich in Riga fotografierte und interviewte, traf ich auf eine Gruppe, die mit dem Internet aufgewachsen ist und in ihrem Stil Drag zu leben, sowohl von der eignen, als auch von westlicher Lebensart beeinflusst wurde. In Ihren Shows und der Art und Weise, sich zu schminken und zu kleiden, wird sehr schnell deutlich, dass sie ihre eigenen Wege finden, Drag vor dem Hintergrund ihrer Kultur und Traditionen zu kreieren. Die jungen Queens haben das Web erobert, um sich zu vernetzen, auszutauschen und Bilder von sich im Drag-Outfit bei Instagram oder Facebook hochzuladen. Die Online-Präsenz  ist zu einem festen Bestandteil ihrer Drag-Kultur geworden und in YouTube-Tutorials und auf Instagram lassen die jungen Queens ihre Follower an ihrem Leben als Drag-Künstler teilhaben und ihren Social-Media-Accounts folgen dabei nicht selten mehrere Tausend von Menschen. Sie nutzen diese Medien aber auch, um sich öffentlich klar zu positionieren. Für viele junge Menschen sind sie damit zu Vorbildern für eine offenere und tolerantere Gesellschaft geworden. Durch Ihr Wirken im Internet und durch ihre regelmäßigen öffentlichen Auftritte tragen sie maßgeblich dazu bei, vielen anderen queeren Menschen Mut zu machen, sich so zu akzeptieren, wie sie sind und einer Gesellschaft, die zum Teil durch verkrustete Ansichten geprägt ist, aufzuzeigen, dass ein heteronormatives und binäres Geschlechtersystem zu kurz greift und auch andere Formen existieren, sich in seiner Persönlichkeit auszudrücken.

Ein weiterer Schritt für die queere Identität und die Wahrnehmung homosexueller Thematik in der Öffentlichkeit  brachten die ersten Gleichheitsparaden- und märsche. Zu Beginn von den Medien noch nicht stark wahrgenommen führten zunächst die Verbote und später dann auch die gewalttätigen Eskalationen bei den ersten zugelassenen öffentlichen Gayprides (wie z.B. in Belgrad 2001, 2010 oder Posen 2005) dazu, dass der schwul-lesbische Kampf um Anerkennung und gleiche Rechte  einerseits medial sichtbar geworden ist, andererseits in den Fokus von Politik und schwulen-und LQBT*-feindlichen Gruppierungen geriet. Die homosexuelle Frage drang nun in den öffentlichen Diskurs durch und wurde politisch. 

Infolge der Politisierung der queeren Frage in Osteuropa hat  einerseits in manchen Ländern in Bezug auf die Rechte von queeren Menschen ein schrittweiser positiver Wandel stattgefunden ( seit 2006 können z.B. gleichgeschlechtliche Paare in Tschechien und Slowenien eine Eingetragene Lebenspartnerschaft eingehen ect., die Akzeptanz gegenüber der LGBT-Community stieg im Laufe der letzten Jahre in weiten Teilen Osteuropas). Andererseits hat sich in bestimmten Ländern wie z.B. Polen, Ungarn oder Russland ein LGBT*-feindlicher Diskurs herausgebildet.

Teilweise müssen Angehörige der LGBT-Community in diesen Ländern als Bauernopfer für machtstrategische Ränkespiele seitens rechtsnationaler Gruppierungen, der Kirche oder der Regierung herhalten.

Die Methoden sind dabei stets die selben: Zunächst wird ein Feinbild aufgebaut, verbunden mit vermeintlichen Gefahren für die Integrität des Staates und das traditionelle Wertesystem. Die Feinbilder werden meist in Form einer abstrakten Personengruppe wie z.B. „die Ausländer“, „die Muslime“, „die Schwulen“…definiert. Die Bezugssubjekte sind dabei beliebig austauschbar: Im Vorfeld der polnischen Parlamentswahlen 2015 beispielsweise nahm die regierende Partei PiS eine migrantenfeindliche Haltung ein. Als sich die Migration deutlich verlangsamte, und als „Feindbild“ ungeeignet erschien, hat sich die Partei im Wahlkampf für die polnischen Parlamentswahlen 2019 darauf konzentriert, der westlichen „LGBT*-Ideologie“ entgegenzuwirken.

Ziel aller dieser Vorgehensweisen ist es, eine breite Masse in der Bevölkerung geschlossen hinter sich zu vereinen, da man ja die Gesellschaft vor dem „feindlichen Einfluss“ schützen werde, um nationale, religiöse, kulturelle Interessen zu wahren. Mit diesen Methoden wird auf dem Rücken der queeren Community versucht, Wahlen zu gewinnen oder sich politischen Einfluss zu sichern oder auszubauen. Gleichzeitig wird eine homophobe Stimmung  in der Bevölkerung geschürt. 

Die Auswirkungen für LGBT*-Anghörige sind teilweise verheerend: Für Angehörige der LGBT-Community in Russland ist es z.B. gegenwärtig aufgrund eines Gesetzes von 2013, welches die „Propaganda von nicht-traditionellen sexuellen Beziehungen gegenüber Minderjährigen“ (sog. Antipropagandagesetz) unter Strafe stellt, so gut wie gar nicht möglich, ihre Sexualität offen zu zeigen. Als Schwulenclub kannst Du da noch nicht mal eine Regenbogenfahne vor die Tür hängen, berichten mir Drag Queens im „Central Station Club“ in St. Petersburg. Das Gesetz von 2013 verbietet positive, ja sogar neutrale Aussagen über Homosexualität in Anwesenheit von Minderjährigen oder in den Medien und brandmarkt Homosexualität als „nicht-traditionelle sexuelle Beziehung“. Aufklärungsarbeit für Homosexuelle ist damit so gut wie unmöglich. Ressentiments  und  eine homophobe Stimmung gegenüber queeren Menschen werden durch solche Methoden und Gesetze verstärk und die Betroffenen noch weiter an den Rand der Gesellschaft gedrängt. 

Immer wieder kommt es in Russland zu brutalen Ausschreitungen und Tötungsdelikten gegenüber Menschen, die nicht dem traditionellen Verständnis von Sexualität entsprechen.

Daniel, der als Drag Queen Charlotte zu einer Ikone der Warschauer Drag Szene wurde und sich lange Zeit für die Rechte der Community in Polen einsetzte, wurde mit Namen und Adresse als „Staatsfeind“ auf einer „schwarzen Liste“ einer rechtsnationalen Gruppierung geführt. Vlad, der in  Clubs in Kiev auftritt, kontaktierte mich im letzten Jahr, und schrieb mir, dass sich im Zuge der Gaypride schwulenfeindliche Aktivisten Fake-Accounts auf Dating-Plattformen eingerichtet haben, um sich mit jungen Männern zu verabreden und in eine Falle locken, um diese dann zusammenzuschlagen und zu mißhandeln. 

Hass-Postings oder Droh-Nachrichten über die sozialen Netzwerke sowie körperliche Attacken keine Seltenheit. Betroffene berichteten mir, wie man ihnen vor dem Wohnhaus auflauerte und sie verprügelt wurden. Ein Drag-Festival im Club „Domino“ in Odessa wurde 2015 von rund 20 Neonazis gestürmt. Auf zwei mitgeführten Postern stand „Ebola ist besser als Schwuchteln“ sowie „Koffer. Bahnhof. Holland.“

Aber auch seitens der Behörden oder sogar der Polizei gibt es Diskriminierung. In Serbien wurde eine Drag Queen nachts auf der Straße zusammengeschlagen. Bei der Polizei hat man sich über das Opfer lustig gemacht und ihm vorgehalten: „Was musst Du Dich auch wie eine Frau anziehen?“

Einige der Queen sahen daher in ihren Heimatländern keine Zukunft mehr und haben ihr Land verlassen. 

Trotz der teils sehr bedrückenden Umstände in manchen Ländern wollen sich viele Queens jedoch nicht einschüchtern lassen und sehen ihren Platz erst recht vor Ort in ihren Heimatländern, um durch ihr Wirken Flagge zu zeigen. Viele der Queens sind aktiv im Kampf um die Rechte für Akzeptanz und Toleranz. Kim Lee aus Warschau z. B.  setzt  sich als Drag Queen in Form von alternativer Theaterarbeit und öffentlichen Auftritten für die Rechte von LGBTI* auch über die Grenzen Polens hinaus ein. So hielt sie 2017 eine Rede über die aktuelle Lage der LGBTI*-Community in Polen vor der „General Assembly“ in Berlin – eine von dem Schweizer Theatermacher Milo Rau initiierte Versammlung von Politikaktivisten aus aller Welt. 

Drag Queen Charlotte kandidierte um einen Listenplatz für die Polnischen Grünen zur letzten Regionalwahl. Auf den Wahlplakaten war die eine Hälfte ihres Gesichts in Drag, die andere zeigte sie als Daniel. 

In in Sankt Petersburg, Moskau oder Kiev halten Queens die Szene in Schwulenclubs lebendig und performen bis zum Morgen auf kleinen Bühnen ein vorher in langer Vorbereitung einstudiertes Showprogramm. 

Die Darbietungen zeigen vor allem lippensynchronen Playback westlicher und heimischer Stars mit einer gut einstudierten Choreografie, aber auch zahlreiche Comedy-Einlagen oder Persiflagen auf heimische Politiker. Das Publikum wird dabei immer stark mit eingebunden. Diese Shows sind teilweise eine Mischung aus Drag und Travestie und interessant ist dabei das Zusammenspiel von westlichen und heimischen Einflüssen. Bei der Darstellung des Weiblichen in Russland z.B.  ist der Einsatz des Make-Ups, teilweise sehr westlich geprägt (das Contouring – also Linienführungen im Gesicht, die es z.B. schmaler wirken lassen), Bekleidung und die Darstellung weiblicher Körpermerkmale haben ihre landestypischen Einflüsse. So werden weibliche Körperformen in Russland z.B. unter Verwendung spezieller Schaumstoffeinlagen bis ins Bizarre überzeichnet (extrem ausgeprägte Partien im Bereich Brust, Hintern, Becken). Die Kostüme sind oft selbst geschneidert oder wurden von Freunden angefertigt. Aber auch in der alternativen Szene trifft man Drag Queens. Vlad, nahm mich für eine Nacht mit, in einen Untergrund-Club in einer alten Fabrikhalle vor den Toren Kievs. In seiner Darstellung von Drag verwischen die Grenzen zwischen Männlichem und Weiblichem, da Vlad seine Darstellung von Drag nicht dem gängigem binärem Geschlechtersystem unterwerfen möchte. In Polen und der Ukraine konnte ich Drag-Wettbewerbe und Drag Bingos in einigen Clubs miterleben. In Belgrad werden im Kulturni centar GRAD regelmäßig die Türen für ein junges Drag-Kollektive geöffnet, welches sehr stark die eigene Kultur und landestypische Traditionen in ihr Programm einfließen lässt und dabei ein junges Publikum auch außerhalb der LGBT*-Community anzieht.

Jetzt im Jahr 2020 bin ich mit meinen Reisen nach Osteuropa  noch lange nicht am Ende angelangt. Noch zu viel ist zu entdecken und zu erfahren. Für die kommenden Jahre werde ich viele der Queens, die mir mittlerweile sehr ans Herz gewachsen sind erneut besuchen. Für einen geplanten Dokumentarfilm war ich für Testaufnahmen im letzten Sommer in Warschau und hoffe, an das Fotoprojekt anknüpfend sehr bald diesen Film realisieren zu können.

 

Bilder & Text: Sebastian Franke,  in Osteuropa unterwegs seit 2018

Evidence of Isolation

Für Numéro Berlin fotografiert die Londoner Fotografin ihre Partnerin und zelebriert damit den weiblichen Körper in einer intimen Se …

Folding Inward: eine Fotoserie von Virginie Khateeb

Für Numéro Berlin fotografiert die Londoner Fotografin ihre Partnerin und zelebriert damit den weiblichen Körper in einer intimen Se …