IGNORANt Tunes: SAINt JHN x Numéro Berlin

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Eigentlich sollte der Musiker gerade durch die Welt touren. Welche Träume SAINt JHN bei dieser Enttäuschung helfen, was seine Favorite Bedrooom Jams sind und warum Ignoranz der Schlüssel zum Erfolg ist. SAINt JHN im Gespräch mit Numéro Berlin.Gerade glaubte er, so richtig im Leben zu stehen, zum richtigen Zeitpunkt. Aufgeregt wie ein kleines Kind. „Dieser Moment, wenn man einen Song vor Publikum performt! Einfach nur magisch!“ COVID-19 hat auch SAINt JHN’s Welt zerrüttelt. Doch er bleibt positiv. „Fvck it – IGNORANt Forever World Tour at home #stayhome“: Vor kurzem performte er live aus seiner Quarantäne von seinem Balkon – ein so ziemlich luxuriöser mit einem beeindruckenden Blick auf die Skyline New Yorks. Beeindruckend ist aber auch sein Talent: Seit langem ist der 33-jährige gebürtige New Yorker guyanesischer Abstammung in der internationalen Musikszene unterwegs, vorrangig hinter den Kulissen, als Ghostwriter für Musikgrößen wie u.a. Usher, Rihanna, Beyoncé oder Jidenna. Beyoncé’s „Brown Skin Girl“ z.B. ist ein Werk von ihm. 2010 veröffentlicht er als Künstler unter seinem bürgerlichen Namen Carlos St. John erste Projekte wie „The St. John Portfolio“ oder „In Association“. Sein Debütalbum „The Collection“ erscheint 2018, sein zweites Studioalbum „Ghetto Lenny’s Love Songs“, für das er mit Musiklegende Lenny Kravitz kollaboriert, letztes Jahr. In der Kollektion clashen seine Ghetto Beats mit starken Trap-Einflüssen auf eine ganz einzigartige Darstellung von Liebe, die sich teils als smoothe Lovesongs zeigt. Das macht SAINt JHN so besonders: Er hat keine Angst, das zu tun, zu singen und ausdrücken, was er denkt und fühlt. Ehrlichkeit und Authentizität sind die Grundlage seiner Songs. Das macht seine Arbeit so extrem besonders. Und dann ist da noch seine Stimme: dass er ein starker Vokalist ist, streitet er bis heute ab. Sein Ehrgeiz immer besser zu werden ist wie eine Wucht und macht ihn extrem sympathisch. „Music inspires my ignorance“ schreibt der Künstler, als er uns seine Playlist für unsere OOR Studio x Numéro Berlin sendet, in der er Songs teilt, die ihn im Leben besonders beeinflusst haben. An einem späten Quarantäne-Abend sprechen wir mit dem Musiker am Telefon.

Numéro Berlin: Hi SAINt JHN. Gib mir drei Worte, die Lenny Kravitz beschreiben!

SJ: Sexy, das kannst du drei Mal sagen.

NB: Wie war es, mit ihm zu kollaborieren?

SJ: Legendär. Was auch immer das Wort für dich bedeutet, es war alles. Boote, Yachten, Champagner, Kronleuchter, Gold, Diamanten, Hunde. Das ist Ignoranz. SAINt JHN und Lenny Kravitz zusammen auf „Ghetto Lenny“, wow. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht und wurden Freunde. Ich spreche hier über mich selbst, ich kann es immer noch nicht glauben. Legendär, das kannst du in Großbuchstaben schreiben (lacht).

NB: Kannst du dich an den ersten Song erinnern, den du geschrieben hast?

SJ: Nein, ich glaube ich habe angefangen, Songs zu schreiben, bevor ich eigentlich wusste, dass ich Songs schreibe. Ich kann mich vielleicht noch an meinen ersten Rap erinnern, aber der war schrecklich. So richtig erinnere ich mich nicht.

NB: Hast du Erinnerungen an den ersten Song, den du aufgenommen hast?

SJ: Oh man, wann war das bloß?! Manchmal ist das wie mit dem Proximitätseffekt. Wenn du jemandem ganz nahe bist, dann fühlt sich das, was die andere Person macht, so an, als hättest du das gleiche getan. Ein Beispiel: Sagen wir, deine Schwester ist eine Läuferin und du begleitest sie oft, ohne dass du eventuell jemals selbst eine Uniform getragen hast. Wenn du dann selbst zum Läufer wirst, kannst du dich nicht an den Zeitpunkt erinnern, an dem du mit dem Laufen begonnen hast. Du hast es dafür einfach schon zu lange gemacht.

NB: Wer war dir denn so nahe?

SJ: Mein Bruder. Als ich das erste Mal einen Song aufnahm, war das mit ihm, in Flatbush. Er hat damals woran auch immer gearbeitet und ich muss dann einfach etwas probiert haben. Das Studio war ein ganzes Apartment, wir haben damals im Schlafzimmer aufgenommen. Es war nicht sehr viel anders als jetzt, allerdings ist mein Studio keine Wohnung mehr.

NB: Hast du mit dem Rappen oder Singen angefangen?

SJ: Ich singe? Das wusste ich gar nicht. Ich hoffe, das hört sich gut an.

NB: Ja, das tut es. Verdammt gut.

SJ: (lacht) Ich habe definitiv mit dem Rappen angefangen. Ich empfand R’n’B immer als extrem soft. Nicht dass ein R’n’B Song kein guter Song sein kann, es war mir aber einfach nicht ausreichend aggressiv. Ich würde niemals ein Mädchen mit nach Hause nehmen und Usher auflegen. Vielmehr würde ich etwas von Jay-Z spielen oder so. Irgendwann dann habe ich mit dem Songwriting angefangen. Als ich begann, für andere Songs zu schreiben, realisierte ich: Rap ist Rhythmus. Rap hat traditionellerweise keine Melodie. Ich wollte unbedingt zu einem besseren Songwriter werden. Das war wie ein Bedürfnis, ich wollte in meiner neuen Sportart gut werden und nicht der letzte auf der Ersatzbank sein. Also habe ich mir neue Fähigkeiten entwickelt, denn ich wollte nicht nur der Typ sein, der die Lyrics schreibt. Ich wollte ganze Songs schreiben und habe mich mit Melodien beschäftigt. Danach habe ich begonnen, die Songs auch zu singen. Ich wollte, dass die Leute meine Tunes kaufen konnten. Es war also eine Notwendigkeit. Ich finde, ich kann gar nicht singen und bin immer überrascht, wenn jemand etwas anders sagt.

NB: Was kennzeichnet gute Song-Lyrics?

SJ: Ehrlichkeit und Authentizität machen einen Song richtig gut. Denn Menschen spüren, ob etwas echt ist. Das ist einer der wenigen Sachen, die man nicht faken kann. Denn man kann nicht einmal verbalisieren, was etwas echt macht, man kann es nur fühlen.

NB: Gibt es irgendwelche No-Go’s für einen guten Songtext?

SJ: Hoffentlich Reime (lacht). Jeder Song hat einen anderen Background und erzählt möglicherweise diverse Stories. Es gibt Songs über das Leben in Brooklyn, Songs über die Herkunft aus der Hood, Songs über emotionale Wunden. Solange die Ehrlichkeit da ist, kann ein Song richtig gut werden, ganz egal um was für einen es sich handelt.

NB: Hast du einen Lieblings-Songtext?

SJ: (Fängt an zu singen) „When you’re up this high only the ceilings change.“ Das ist aus meinem Song „I Can Fvcking Tell“.

NB: Wer war der musikalischer Held deiner Jugend?

SJ: Da gibt es einige. Wer Hauptcharaktere meines Films werden würde, wären Jay-Z, Beenie Man, Buju Banton, Capleton, Jay-Z, Kanye West, Jadakiss.

NB: Du hast für uns auch eine Playlist zusammengestellt. Welcher dieser Songs löst bei dir bis heute immer wieder Gänsehaut aus?

SJ: Alle frühen Jay-Z Songs. Ich erinnere mich, wie ich früher als Kind seine Songs gehört habe, diese Geschichten gesehen habe und feststellen musste, dass es viele Ähnlichkeiten gab zu meinem eigenen Leben. Wenn man jung ist, hört mal alle diese Lyrics und liebt sie. Dann wird man erwachsen und versteht sie endlich so richtig und verliebt sich zum zweiten Mal in sie. Diese Lyrics bleiben ein Leben lang.

NB: Erinnerst du dich an den Song deines ersten Liebeskummers?

SJ: (fängt an zu singen): „Let it burn, let it burn, let it burn.“ Ich habe diese verdammte Platte gehasst, aber es ist ein wirklich guter Song. Ich erinnere mich, dass ich damals so richtig abgefuckt war, ich wusste nicht einmal, was Liebeskummer eigentlich war. Dieser Song war buchstäblich der Songtrack zu meinem Liebeskummer-Leben, fuck that song, aber ich liebe ihn.

NB: Was ist dein Favorite Bedroom Jam?

SJ: Uuuuh! (fängt an seinen Song „Some nights“ zu singen): „Soooome nights– nein, ich mache nur Witze. In Wirklichkeit würde ich alle meine ignoranten Songs spielen, etwas wie „McDonalds Rich“ oder „White Parents Are Gonna Hate This“ – oder etwas, was so klingt.

NB: Ernsthaft?!

SJ: Ja, das ist sexy, denk drüber nach. Du, rotes Licht, ein heißer Körper und einige der ignorantesten Beats, die es gibt. Dann ein bisschen Konfetti. Corona-Konfetti, alles safe natürlich (lacht).

NB: Inwiefern hat die COVID-19 Krise dein Leben verändert?

SJ: Sie hat meine ganze Welt gecancelt. Eigentlich sollte ich jetzt touren, in Amerika, Australien, Europa, Asien und auch zum ersten Mal in Afrika. Ich war super aufgeregt und hatte das Gefühl, mitten im Leben zu stehen, zur richtigen Zeit, und plötzlich cancelt 2020 einfach alles. Aber das hat es für jeden, ich versuche es nicht persönlich zu nehmen.

NB: Du bist in Brooklyn geboren, wie hat dich das geprägt? Gibt es einen Ort, der für dich sehr besonders ist?

SJ: Die Projects. Ich bin in einem Brooklyn aufgewachsen, das nicht viele multikulturelle Orte hatte. Mein Brooklyn war schwarz, es war arm und es gab viele Obdachlose. Ich habe Brooklyn als aggressiv erlebt, auch wenn es wirklich cool war. Aber mit den „Pink Houses“ hast du eine der zwei größten Projects in Brooklyn gesehen. Die sind riesengroß und umfassen so circa vier bis fünf Straßenblöcke. Das war mein Brookyln, das war mein Leben, als ich zur Schule und Highschool ging. Es war ganz sicher kein hübsches Brooklyn.

NB: Was löst es in dir aus, wenn du es dir heute anschaust?

SJ: Ich werde nostalgisch, denn es fühlt sich so an, als habe ich es aus einem wirklich harten Stadtteil geschafft. Wenn ich heute nach Dumbo gehe und unter der Brücke laufe, fühlt sich das an wie in einem Film. Aber es ist ein anderer Film als ich ihn damals gesehen habe. Ich bin froh, es heute so zu sehen. Was ich aber nicht machen werde, ist meine Wunden zu verstecken, man kann sie nicht einfach mit Make-up vertuschen. So funktioniert das nicht.

NB: Deine Familie stammt aus Südamerika. Wie verbunden fühlst du dich zu deiner guyanesischen Kultur?

SJ: Ich wuchs zwischen Brooklyn und Guyana auf. Als ich geboren wurden, hat mich meine Mutter ein paar Monate später zurück nach Guyana geschickt. Nach drei Jahren kehrte ich zurück und das ging dann immer so weiter, bis zu meinem zweiten Highschool-Jahr. Und der Grund dafür war nicht irgend ein Sommer-Camp. Meine Mutter war arm und ihr fehlte das Geld, in Amerika zu leben. 100 US-Dollar sind etwa 20.000 Guyanesische Dollar (20933.5), das klingt viel ist aber verdammt wenig, wenn du damit Kinder großziehen musst. Und meine Mutter hatte einige Kinder. Guyana ist deshalb bis heute mein Zuhause. Wenn du mich dort mitten ins Land heute aussetzt, würde ich immer den Weg zu meinem guyanesischen Zuhause finden.

NB: Planst du, in Guyana zu performen?

SJ: Momentan ist nichts geplant aber verdammt, ja, das werde ich machen. Ich kann es kaum erwarten, in meiner Heimat zu performen. Und ich würde alle meine Lieblingskünstler mitbringen. Ein SAINt JHN Festival in Guyana, das wäre abgefahren.

NB: Welche Künstler würdest du mitbringen?

SJ: Beanie Man, Jay-Z, Sizzla, for sure, DMX, Kanye West. Aber ich bin der Star, in meinem virtuellen Fake-Konzert. Ich bin der größte Name auf der Rechnung. OK? Ich will das mit dir hier nur mal klarstellen (lacht).

NB: Ziemlich ambitioniert.

SJ: Nein, warte, ich bin dich noch gar nicht fertig, lass mich noch ein bisschen realistischer werden. Da muss es noch mehr geben. Ich habe noch nie so ein Konzert zuvor gehabt, also gebe mir ein paar Sekunden….Ach, ich weiß es nicht.

NB: Was ist das Beste am Performen?

SJ: Es wieder zu tun. Ich habe nicht wirklich eine „Copy- und Paste-Formel“, wie ich Songs aufnehme oder performe, das ändert sich bei mir jedes Mal. Es ist magisch, einen Song zu machen und es ist großartig, wenn du ihn fertig stellst und ihn dann anhörst. Aber wenn man ihn dann live singt, fühlt es sich an als hätte der Song zuvor gar nicht existiert. Und du singst ihn jeden Abend wieder, immer und immer wieder, auf unterschiedliche Art und Weise. So wird der Song immer ein bisschen anders, es ist wie Karaoke mit deiner eigenen Musik. Du kannst es nicht versauen, das ist gar nicht möglich.

NB: Wodurch ändern sich die Songs beim Performen, liegt das an der Energie des Publikums?

SJ: Es hängt mit der Umgebung, der Art der Show und damit, was ich ausdrücken möchte, zusammen. Und natürlich spielt der Song auch eine Rolle. Manche Songs sind dafür gemacht, mit der Crowd performt zu werden, bei anderen will man dir beim Performen nur zuschauen.

NB: Was war das beste Publikum, das du bist jetzt erleben durftest?

SJ: Das wäre nicht fair zu sagen. Ich habe 2000 Menschen, gekleidet in weißer Seide, in Ägypten gesehen, nachts, in einem Eventspace mit offenem Dach und einem Feuerwerk hinter mir. Ich habe tausende Menschen in Moskau gesehen, wie sie völlig ausgerastet sind zu „Roses“. Und dann stell dir diese Szene vor: New York. Deine Mutter ist auf einem der Balkone, die Location ist komplett ausgebucht, tausende Menschen warten auf dich, es ist die letzte Show am Ende deiner Tour. Da sagst du dir einfach: Ich bin so weit gekommen, ich kann mich verdammt noch mal nicht beschweren. Ich bin durch die ganze Welt gereist und überall fühlt es sich ein bisschen anders an, aber wenn man dich liebt, liebt man dich.

NB: Du bist auch in der Mode aktiv. Wie kam es dazu, dass du deine eigene Brand NOT A CULt gegründet hast?

SJ: Ich will einfach coole Scheiße machen. Ziemlich simple. Ich designe Sachen, die ich tragen möchte. Ich mache Songs, die ich hören will. Ich versuche einfach in einer Welt zu leben, in der ich glücklich bin. Ich wollte einfach bezahlbare Mode machen, die dich luxuriös, sexy und ignorant fühlen lässt. Ich will Dinge, die sexy und ignorant zur gleichen Zeit sind. Ich will dass Menschen, die in einer harten Umgebung aufgewachsen sind, sich in Seide kleiden, rausgehen und noch immer auf der gleiche Treppe sitzen können wie früher, nur eben in Seide. Ich will, dass das Leben überspitzer, überzeichneter ist.

NB: Was ist deine Lieblings-Marke für einen Red-Carpet Moment?

SJ: Generell liebe ich Saint Laurent. Ich mag, wie sexy und boho es ist. Es geht dabei nicht immer nur um Kleidung, sondern um die Story und Emotionen hinter einer Marke.

NB: Danke für deine Zeit.

SJ: Danke dir. Ihr Ladies bleibt sicher, gesund und zu Hause. Alle eure Pornos, schaut von daheim im Netz (lacht).

Interview: Sina Braetz

Bilder: Tiana Reeves

 

 

Playlist SAINt JHN x OOR Studio for Numéro Berlin

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