Olfaktorische Reise

12.05.2020, Allgemein Interview
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Einer der ikonischsten Männerdufte 1 Million von Paco Rabanne hat einen neuen Nachfolger: 1 Million Le Parfum. Numéro Berlin sprach mit den zwei Parfümeuren hinter dem Parfüm: Quentin Bisch und Christophe Raynaud. Letzter steht u.a. auch hinter dem Klassiker 1 Million. Über olfaktorische Erinnerungen aus ihrer Kindheit, Parfümikonen aus der Jugend und das größte Missverständnis über Düfte.

NB: Herr Bisch, Herr Raynaud. Wie riecht für Sie der Sommer?

Quentin Bisch: Wenn ich an den Sommer denke, habe ich dieses Bild im Kopf von sonnengewärmter Haut am Strand. Eine Haut, geprägt von salzigen, sonnigen und harzigen Noten (von Kiefernwäldern).

Christophe Raynaud: Nach Sonnencreme, besonders nach Ambre Solaire.

NB: Und der Winter?

QB: Nach brennendem Holz im Kamin, das ist mein absoluter Lieblings-Winterduft.

CR: Einen Duft, den ich besonders mit Winter in Verbindung bringe, ist Zimt, ein Gewürz, das ich zufällig auch für 1 Million verwendet habe.

NB: Wonach riecht Ihre Kindheit? Was sind ihre besten olfaktorischen Erinnerungen?

QB: Ich bin mit Blumen aufgewachsen, überall und jederzeit. Meine Eltern haben Blumensträuße gekauft, die jeden Raum unseres Hauses mit herrlichen Düften erfüllten. Bis heute leitet mich eine Leidenschaft, die Schönheit der Natur einzufangen, besonders mit floralen Noten.

Und es gibt noch eine zweite, präsente Erinnerung: Als ich ein Kind war, lebte ich in London. Ich erinnere mich sehr gut an den Duft von frisch gebackenen Cookies, am Ausgang der Metro-Station. Das ist definitiv ein zweiter einprägsamer Duft, der mich immer noch dazu verleitet, ihn in Kapseln zu füllen.

CR: Ich liebe den Duft von Sonnencreme gemixt mit jodierten Noten vom Meer, im Sommer. Dieser Duft weckt viele Erinnerungen in mir, in einer fröhlichen, sinnlichen und süchtigen Art und Weise.

NB: Gibt es einen Duft, den Sie so gar nicht ertragen können?

QB: Der Gerucht einer gepellten Mandarine an der Hand und auch nasse Hunde. Diese zwei Gerüche hasse ich einfach.

NB: Was wer der ikonischste Duft Ihrer Jugend?

QB: Opium von Yves Saint Laurent. Meine Leidenschaft zu Düften entwickelte sich schon in meiner frühen Kindheit, besonders in der sechsten Klasse. Es war der erste Kurs im Jahr, ich kannte meine Lehrerin noch nicht. Ich wartete im Klassenzimmer als ich plötzlich von einem faszinierenden Duft überrascht wurde. Es war der Duft meiner Lehrerin. Ich habe sie durch ihr Parfüm getroffen noch bevor wir einen Blick oder ein Wort tauschten. Ich fokussierte mich während der ganzen Unterrichtsstunde auf ihr Parfüm. Am Ende fragte ich Sie, welchen Duft sie tragen würde. Sie fühlte sich beleidigt, als ob meine Frage ein Fehlen von Respekt war. Ich war besessen von diesem Duft und versuchte wochenlang herauszufinden, welcher es war. Es war Opium. Dann begann sie, ihren  Duft oft zu wechseln. Und ein Spiel begann. Jedes Mal, wenn sie ihn wechselte, versuchte ich herauszufinden, um welchen es sich handelte. Am Ende sagte ich mir, dass es sicher jemanden hinter diesen Düften gibt. Ich wollte dieser „jemand“ sein. Ihr Duft wurde meine Ikone und motivierte mich, Parfümeur zu werden.

CR: Magie Noire. Ich habe den Duft an einer Frau entdeckt, vor langer Zeit. Sowohl die Frau als auch der Duft haben mich lange aufgewühlt.

NB: Was ist die schönste Duftnote, die Sie an einer Frau gern riechen?

QB: Mir gefallen Chypre-Noten an einer rauchenden Frau.

CR: Alles, so lange es Aufmerksamkeit erregt.

NB: Was denken Sie über Patrick Süskind’s Roman „Das Parfüm“?

QB: Es ist ein Kunstwerk. Eine Immersion in die Parfümwelt, durch die Augen und Sinne eines asozialen, trotzdem ultra-sinnlichen Antihelden.

CR: Es ist ein einzigartiges, starkes Buch. Mich hat die Fähigkeit des Autors fasziniert, uns durch Worte Düfte und Gefühle spüren zu lassen. On top, fängt der Held den härtesten Duft überhaupt ein. Das ist eine wahre Meisterleistung.

NB: Haben Sie jemals Ihren eigenen Duft kreiert?

QB: Das habe ich einige Male probiert aber ich war nie zufrieden. Hoffentlich werde ich eines Tages meine eigene Magie kreieren.

CR: Nein, das habe ich nicht und das werde ich vermutlich auch nicht. Denn was mich interessiert ist, Düfte für andere zu kreieren.

NB: Wenn Sie etwas abstrakteres in ein Parfüm wandeln könnten, ganz gleich ob theoretisch realistisch oder nicht, was wäre das?

QB: Wenn die Nacht einbricht und die sonnen-erhitzte Landschaft atmet und eine Welle von Frische aufzieht. Das ist ein ephemer, ätherischer Moment, den ich liebe, der aber unmöglich festzuhalten ist in einem Duft.

CR: Der Duft von Männerhaut nach dem Sex – genau das habe ich für 1 Million gemacht.

NB: Unter welchen Restriktionen müssen Sie arbeiten, um einen Duft zu kreieren?

QB: Die größten Restriktionen sind die legalen und logistischen Normen, die in der Parfümindustrie existieren um Konsumer und Ressourcen zu schützen. Des Weiteren gibt es manchmal zeitliche Restriktionen, abhängig von den Bedürfnissen des Klienten.

CR: Meine größte Herausforderung ist, genau so viel Vergnüngen zu haben wie ich in dem Universum einer Brand bleiben kann.

NB: Wie arbeiten Sie an einem neuen Duft? Wo starten Sie?

QB: Ich suche nach Inspirationen basierend auf einem Briefing, mache mir viele Notizen und tauche in die Geschichte ein, die eine Brand kreiert hat. Hier kann jedes Element inspirieren. Dann nehme ich mir ein paar Tage um darüber nachzudenken, ich fühle mich oft inspiriert von dem Augenblick und dieser kann endlos sein. Ich beginne zu zeichnen und olfaktorische Ideen auf einer weißen Leinwand zu sammeln. Daran arbeite ich bis zu einer Enthüllung: der Idee. Die Arbeit eines Goldschmied beginnt.

CR: Alles, was mich umgibt, kann eine Inspiration sein. Schönheit ist überall und die Vorstellungskraft kennt keine Grenzen.

NB: Was macht einen guten Duft aus?

QB: Ein guter Duft sollte folgende drei Merkmale besitzen: eine Signatur, eine Diffusität und einen perfekten Match zwischen Duft und seinem Träger. Die Signatur macht einen Duft erinnerungswürdig und einzigartig. Diffusität ist elementar, denn ich glaube, dass ein Duft gerochen werden sollte von der Person, die ihn trägt und auch von den Leuten aus ihrem Umfeld. Wichtig ist auch die Alchimie zwischen Duft und Träger. Ein Duft macht keinen Sinn bevor er nicht von jemandem getragen wird. Stimmen diese drei Komponenten, kann ein Duft magisch sein.

CR: Für mich gibt es gar keinen „guten Duft“. Ich glaube, dass Parfüms in der Lage sind, tiefe Emotionen hervorzurufen und uns dabei helfen, auszudrücken wer wir sind. Ein Parfüm braucht Persönlichkeit, eine starke oder perfekt ausgeführte Idee und natürlich sehr viel Arbeit und Geduld.

NB: Gibt es für Sie irgend welche No-Go’s für einen guten Duft?

QB: Ich würde sagen eine fehlende Diffusität, denn die macht einen Duft erst lebendig. Ein Duft existiert nicht wirklich, wenn das Umfeld ihn gar nicht riecht.

CR: Das einzige No-Go wäre, ein No-Go zu haben.

NB: Was macht einen Duft sexy?

QB: In den meisten Fällen ist ein Duft dann sexy, wenn er das Selbst-Vertrauen, Charimsa und die Ausstrahlung einer Person pusht. Es gibt da eine kontinuierliche Alchimie.

NB: An welchen Stellen des Körpers empfehlen Sie, einen Duft zu tragen?

QB: Sowohl auf der Haut als auch auf der Kleidung. Es ist so schön, ein Stofftuch am nächsten Tag aus der Tasche zu ziehen und immer noch seinen Duft zu riechen. Auf der Haut sind meine Lieblingsstellen die Handgelenke – um den Duft immer zu wenn man will zu riechen – und auf dem Haar – während man sich bewegt, verstärkt es deinen Duft.

CR: Wo auch immer man möchte, solange es dir ein gutes, ermächtigendes Gefühl geht.

NB: Was ist das größte Missverständnis über Parfüms?

QB: Viele Menschen unterschätzen die Macht von Düften. Viele realisieren gar nicht, wie sehr sie und auch ihre Familienmitglieder von ihren Düften beeinflusst werden. Ein Parfüm spielt eine große Rolle für das Image, das jemand vermittelt. Es ist Teil einer Persönlichkeit, genau wie deine Stimme, dein Look, deine Beziehung zur Welt. Parfüm ist viel mehr als nur ein Duft.

CR: Manche denken, wir bräuchten Düfte für Frauen und für Männer. Ich aber glaube, dass das ein Missverständnis ist. Ich glaube, dass Parfüms kein Geschlecht haben

NB: Wie viele Düfte haben Sie bis heute kreiert?

QB: Circa 100 Düfte.

CR: Ich kann Ihnen keine genaue Zahl sagen, ich erinnere mich immer nur an meine Favoriten.

NB: Welcher ist Ihr Lieblingsduft unter Ihren Kreationen?

CR: 1 Million – als der Duft gelaunched wurde, war er für den Markt separatistisch und hat immer noch einen phänomenalen Erfolg.

QB: Diese Frage kann ich eigentlich nicht beantworten, das wäre, als würden Sie einen Vater fragen, welcher seiner Kinder sein Liebling ist. Ich liebe meine Düfte alle aber besonders stolz bin ich auf Nomade von Chloé, Ganymède von Marc-Antoine Barrois und 1 Million Le Parfum.

NB: Was war das Geheimnis hinter dem massiven Erfolg des originalen 1 MILLION 2008? Und was ist der größte Unterschied zwischen 1 MILLION und 1 MILLION LE PARFUM?

QB: Wichtige Gründe für den Erfolg sind folgende: 1 MILLION ist ein Duft der sowohl maskulin als auch extravagant ist. Er ist ultra-sinnlich, farbenfroh, kraftvoll und strahlend. Er ist ein Over-Statement. Der neue Duft ist noch immer sehr sinnlich und strahlend, aber er hat einen hautähnlichen Effekt, der durch leuchtende solare, blumige Noten und Zisterose-Harz verstärkt wird.

CR: Das Geheimnis ist hauptsächlich, dass 1 MILLION ein sehr diffuser Duft ist. Er hat Kraft und hält lange an. So wird sein Träger an seinem Duft erkannt. 1 MILLION und 1 MILLION LE PARFUM aber untersuchen verschiedene Versionen der männlichen Haut: nach dem Sex vs. nach der Sonne. Das originale Leder und die Rose werden zu solarem Leder und Tuberose. Letzteres ist softer und wärmer. Kombiniert wird es mit Zistrose-Harz für eine animalische Facette. Die ursprüngliche sinnliche, stechende Rose wird solar und sinnlich, für eine noch strahlendere und opulentere Sensualität. Außerdem wurden für den 1 MILLION-Originalduft Holz- und Amber-Noten verwendet in einer der signifikantesten Overdose aller Zeiten. Diese wurden zu einer neuen, modernen Version interpretiert.

 NB: Wie hat sich der Markt in den letzen Jahren verändert?

QB: Ich glaube nicht, dass es da radikale Revolutionen gegeben hat. Allerdings haben einige Trends Macht bekommen. Dazu gehören Gourmand Noten und Fruchtiges, so stark, dass sie einen Duft schon fast standardisieren. Hautähnliche Effekte in jeglicher Form – animalisch, floral, salzig – sind angesagt und eröffnen viele Möglichkeiten.

CR: Heute will man noch stärker als zuvor einen auffälligen Duft tragen. Man will mit einem Duft herausstechen.

NB: Drei Worte, die für Sie 1 MILLION LE PARFUM beschreiben?

QB: Strahlend, sinnlich, freudebringend.

CR: Mutig, verspielt, sonnengebadet.

NB: Ist es wahr, dass die Kreation von 1 MILLION LE PARFUM ein Unfall war?

QB: Ja, das stimmt. Es war ein zufälliger Unfall. Ich kam zurück aus meinem Urlaub am Meer, in meiner Tasche hatte ich Zistrose-Granulat und Sonnencreme. Beiden Flaschen hatten sich geöffnet und meinen Rucksack mit einem entsprechenden Duft durchdringt. Die animalische Ledernote der Tasche und der Zistrose, gemixt mit dem solaren, beruhigenden und sinnlichen Geruch der Sonnencreme. So kam mir die Idee von männlicher Haut, aufgeheizt von der Sonne und bedeckt von weißen Blumenöl.

NB: Salzig und süß, wie kann das zusammengehen?

QB: Das ist tatsächlich ein perfekter Match. Salzigem Süßes hinzuzufügen kreiert einen tollen Kontrast. Ein gutes Beispiel ist hier auch Schokolade. Durch eine salzige Note wird der Geschmack direkt viel spannender und kräftiger. Die gleiche Art von Kontrast kann man auch in Parfüms finden.

CR: Es passt sehr gut zusammen. Es fügt einem Duft den Kontrast und die Leuchtkraft hinzu. In 1 MILLION LE PARFUM entsteht ein salziger Effekt durch das Zistrose-Öl und dem jodhaltigem Akkord, was wiederum einen einzigartigen Kontrast entfaltet.

NB: Die 1 MILLION Kollektion ist sehr süß. Ist es zu einem größeren Trend geworden, dass Männer heute zu süßeren, softeren Unisex-Düften tendieren?

QB: Die Idee von klassischer Männlichkeit ist viel offener geworden,  Clichés über Roughness und Brutalität sind überholt. Männer können heute feminine Codes in einem Duft akzeptieren. Ich glaube, dass Süße tatsächlich abhängig machen kann. Trotzdem sollte sie mit Frische kombiniert werden. Unisex-Düfte sind florierend und lassen die Grenzen im Parfüm-Markt verschwimmen.

CR: Ja, 1 MILLION hat mit diesem Trend 2008 gestartet. Ich glaube, dass heute Männer und Individuen allgemein bereit sind, die Düfte zu tragen, die sie tragen wollen, ohne jegliche Codes. Sie befreien sich von den Regeln.

NB: Fünf Worte, die 1 MILLION LE PARFUM und Duft-Embassador Joey Bada$$ gemeinsam haben?

QB: Einzigartig, mutig, stark, ehrlich, lebhaft.

CR: Kreativ, frei, mutig, extravagant, reizvoll.

 

Bilder: PR

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Collagiert: Düfte des Sommers

Die Wiederentdeckung unserer Ichs: eine exklusive Arbeit für Numéro Berlin von Lyndon Ogbourne, Jack Bridgland und Adriana Roslin.