Wahrheit erzählen: Marvel-Held Chadwick Boseman im Interview

02.09.2020, Kultur
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Der verstorbene Black-Panther-Darsteller Chadwick Bosemann steht durch seine Rolle  als Superheld Black Panther und König T’Challa von Wakanda durch den legendären Satz „Wakanda Forever“ als Symbol gegen Unterdrückung und für Empowerment. Der Superheld war die wichtigste Rolle von Boseman, die für ihn mehr als nur ein Rolle war.
Numéro Homme #6 thematisiert die schwarze Kultur Afrikas und Afro-Amerikas. Henrik Lakeberg war im Interview mit Chadwick Boseman:

Mit der Rolle des Black Panther in dem Marvel-Film Captain America: Civil War hat sich Chadwick Boseman in die A-Liga Hollywoods gespielt. Doch das Spektakel, dass auch der Film Black Panther 2018 auf der Leinwand zelebrieren wird, hat wenig mit dem uneitlen und zielstrebigen Schauspieler zu tun. Der will vor allem Filme machen, die etwas bewegen. Inspiriert hat ihn dazu Spike Lee.

Sie arbeiten gerade an dem ersten Black-Panther-Film, mit dem Regisseur Ryan Coogler. Es scheint mir, dass zwischen ihnen eine Geistesverwandtschaft besteht. Es geht ihnen beiden nicht nur darum, zu unterhalten, sondern Geschichten mit einer sozialen und politischen Relevanz zu erzählen.

Mit Ryan zu arbeiten ist eine intensive Erfahrung. Er verlangt von den Schauspielern sehr viel, ist aber gleichzeitig offen für unsere Ideen. Wir treiben uns gegenseitig an. Es ist immer gut, mit jemandem zu arbeiten, mit dem man sich auseinandersetzen kann.

Würden Sie sagen, dass sie beide politisch denkende Filmemacher sind? Sie haben eine Reihe bedeutsamer afro-amerikanischer Persönlichkeiten gespielt – wie zum Beispiel James Brown in Get on Up, den ersten afro-amerikanischen Baseballspieler der Premier League in 42, oder eben jetzt den ersten schwarzen Superhelden in Black Panther. Ryan Coogler setzte sich in Fruitvale Station mit Polizeigewalt gegen Afro-Amerikaner auseinander und macht in Creed mit dem Sohn des ehemaligen Rocky-Balboa-Gegners Apollo Creed einen schwarzen zur Hauptfigur. Haben Sie diese Rollen aktiv gesucht?

Seit meiner Hauptrolle in 42 hatte ich mehr Freiheit. Und es stimmt, dass ich mir vor allem die Charaktere ausgesucht habe, die eine möglichst große soziale und politische Strahlkraft haben. Grundsätzlich geht es mir aber nicht nur darum, historisch wichtige Moment zu erzählen oder Biopics zu drehen. Mir ist wichtig, was der Film will und welche Bedeutung die Rolle hat, die ich spiele. Und es ist natürlich toll, den Baseballspieler Jackie Robinson, James Brown und jetzt Black Panther zu spielen. Mit jeder dieser Rollen besteht auch die Chance, etwas zu erreichen und nicht nur zu unterhalten. Ryan hat da ähnliche Entscheidungen getroffen. Das Besondere an Fruitvale Station ist, dass er mit seiner Hauptfigur einen jungen schwarzen Mann als Menschen zeichnet. Das sieht man nicht oft. Gleichzeitig erzählt er, was einen jungen schwarzen Mann sehr leicht passieren kann und was immer wieder passiert, dass er zu Unrecht Opfer von Polizeigewalt wird. In den USA ist die zu einer Epidemie geworden. Das Problem ist aber nicht neu. Es hat mit dem Ende der Sklaverei angefangen und setzt sich bis heute fort.

Am Ende von Get on Up treffen sich James Brown und sein langjähriger Weggefährte Bobby Bird wieder, nachdem sie sich lange nicht gesehen haben. Ein Handwerker verlässt gerade Bobby Birds Haus, nachdem er dessen Pool gereinigt hat. James Brown sagt: „Siehst du, wie weit wir gekommen sind, ein Weißer reinigt deinen Pool.“ Inwiefern haben sich tatsächlich Dinge geändert und inwiefern ist alles beim Alten geblieben?

Heute kann man einen Schauspieler diesen Satz sagen lassen und es ist OK. Natürlich hat sich etwas verändert. Wie zum Beispiel, dass ich die Hauptrolle in einem Multimillionen-Dollar-Film wie Black Panther spiele. Das besondere ist dabei nicht nur, dass es sich um einen schwarzen Superhelden handelt, sondern dass er auch eine andere Geschichte von Afrika erzählt. Black Panther stammt aus einem hochentwickelten afrikanischen Land. Dass so etwas im Mainstream stattfindet und dass eine Firma wie Marvel bereit ist, sehr viel Geld zu investieren, das muss man als Fortschritt anerkennen. Gleichzeitig ändert sich nicht alles auf einmal. Und wenn sich etwas zum Positiven entwickelt, dann kann es sein, dass sich in einem ganz anderen Bereich der Gesellschaft etwas zurückentwickelt. Nehmen Sie die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten. 

Die Figur des Black Panther wurde 1966 zur Zeit der Bürgerrechtsbewegung erfunden und auch von ihr beeinflusst. Was war seine Bedeutung damals? Und welche Aktualität hat sie heute vor dem Hintergrund der Trump Regierung?

Stan Lee – das große Marvel-Mastermind – erzählte mir, dass Black Panther sein Lieblingssuperheld sei und dass er auf ihn am meisten stolz wäre, was das Storytelling angeht. Stan war damals nicht bewusst, welche Bedeutung seine Arbeit einmal haben würde. Dass sie moderne Mythen werden würden, an denen sich Menschen orientieren, von denen sie fürs Leben lernen. Und jetzt gibt es diese gigantischen Filme, die Millionen kosten, Milliarden einspielen und überall auf der Welt gesehen werden. Es ist ironisch: ein weißer Mann erfindet einen revolutionären schwarzen Charakter. Trotzdem hat er mit der Figur eine Wahrheit getroffen. Er porträtiert ein afrikanisches Land nicht als unterentwickelt, sondern als Hochkultur. Und von denen gab es in der afrikanischen Geschichte ja viele. Das war vielen Menschen in den 1960ern nicht bewusst. Stan Lee hat sie in gewisser Weise aufgeklärt. Zur aktuellen Relevanz der Figur: Als wir anfingen, den Film zu planen, dachte ich, wir müssen ihn unbedingt fertigbekommen, wenn Obama noch im Amt ist. Um zu unterstreichen, dass es starke schwarze Anführer nicht nur in der Popkultur, sondern auch im echten Leben gibt. Jetzt, da Trump im Amt ist, ergibt der Film allerdings noch mehr Sinn. Das hat weniger damit zu tun, wie Trump regiert. Das empfinde ich wie schlechtes Fernsehen, jeden Tag neuer Nonsens. Da gibt es kaum einen Unterschied zu der Zeit, als Trump noch bei der Reality-TV-Show The Apprentice in der Jury saß. Die Parallelen sind: Man sieht einen neuen Anführer. Man wird sehen, welche Prioritäten er hat, als Politiker und als Mensch. Black Panther ist ein Film darüber, was es bedeutet, ein Anführer zu sein. Was es bedeutet, ein Land zu regieren, eine Kultur zu prägen. Ehrlich zu sein, sich damit auseinanderzusetzen, was in einer Gesellschaft richtig und falsch läuft. Alles Dinge, von denen Trump nicht viel versteht. Der Kontrast zwischen den Führungsqualitäten einer Figur wie Black Panther und Trump wird umso größer sein.

Welchen Effekt wird Trump auf die afro-amerikanische Community haben?

Um ehrlich zu sein: Wir sind mehr daran gewöhnt, dass wir einen Präsidenten haben, der uns nicht zuhört, als einen zu haben, der das tut. Für uns ist das Normalität. Ich weiß also gar nicht so richtig, wie ich die Frage beantworten soll. Auch bei Obama sagten einige, er habe der Community nicht genug zugehört. Aber zumindest war da jemand, der unsere Situation verstanden hat. Das wusste man. Das ist bei Trump natürlich nicht so.

Viele sagen, die größte Errungenschaft von Obama wäre, dass er der erste schwarze Präsident war. Aber greift das nicht viel zu kurz?

Letztendlich kann ich nicht sagen, was die wichtigsten Errungenschaften von Obama waren. Das wird die Geschichte zeigen. Aber natürlich hat er vieles angestoßen, das die Gesellschaft vorangebracht hat: die Krankenversicherung als Grundbedürfnis anzuerkennen. Den Klimawandel anzuerkennen. Den Umweltschutz zum Thema zu machen. Vor allem Letzteres war nicht nur gut für die USA, sondern hat einen Fortschritt für die ganze Welt bedeutet. Grundsätzlich geht es bei guten Anführern nicht nur darum, was sie tatsächlich erreichen, sondern was sie anstoßen und andere später dann fortführen können. Neben den politischen Errungenschaften von Obama, war er auch in der Art, wie er das Amt geführt hat, ein Vorbild. Die Amtszeit in Würde überlebt zu haben, trotz einer massiven Opposition, wie sie kaum ein anderer Präsident vor ihm erlebt hat, das ist bewundernswert. Ein Anführer setzt einen Impuls für unsere Kultur. Er war in meinen Augen nicht nur eine kulturelle Ikone, weil er der erste schwarze Präsident war, sondern auch durch die Art, wie er gehandelt hat, seine Selbstkontrolle, seinen Swagger, seine Konsequenz, gegen alle Widerstände seine Ziele zu verfolgen.

Sie sind in den 90ern unter Bush und Clinton aufgewachsen. Was hat sie im damaligen kulturellen Klima dazu inspiriert, Filmemacher zu werden? Welche Musik und welche Schauspieler und Regisseure haben Sie beeinflusst? Es war zum Beispiel die große Zeit von Spike Lee. Sein Film Malcolm X kam 1992 in die Kinos.

Es ist, als würden Sie meine Gedanken lesen. Spike Lee hatte einen enormen Einfluss auf mich. Insbesondere Malcolm X und Mo’ Better Blues. Mit Spike Lee war da auf einmal eine starke afro-amerikanische Stimme, die weltweit gehört wurde. Er ist ein wichtiger Grund, warum ich selber Filmemacher geworden bin. Ich sehe mich sowieso in erster Linie als Filmemacher, nicht nur als Schauspieler. Es geht mir um mehr, als nur meine Rolle abzuliefern. Ich möchte mit den Geschichten, die ich erzähle, etwas bewegen.

Wir haben Sie in Atlanta fotografiert, wo sie gerade drehen. Atlanta ist nicht weit entfernt von Anderson, South Carolina, wo sie aufgewachsen sind, und gilt bis heute als kulturelles Zentrum. Aktuell durch die Hip-Hop-Szene, die Fernsehshow Atlanta, aber auch durch die Filmindustrie. Welche Bedeutung hatte Atlanta für Sie?

Ich bin etwa zwei Stunden von Atlanta entfernt geboren. Heute gilt Atlanta neben New Orleans und natürlich Hollywood als wichtigster Standort der amerikanischen Filmindustrie. Dass Atlanta ein Ableger Hollywoods wäre, war schon damals Thema, aber erst jetzt stimmt es wirklich. Das war nicht so, als ich aufwuchs. In Atlanta gibt es aber schon lange schwarze Colleges, die wichtig waren und einen großen Einfluss auf die Stadt hatten. Und immer schon viel Musik. In den 90ern zum Beispiel Outcast oder Goodie Mob, Babyface.

Warum ist Atlanta so wichtig für die Filmindustrie geworden?

Die Stadt war schlau darin, der Filmindustrie Steuervergünstigungen zu geben. Es gibt eine Infrastruktur. Es wurden viele neue Studios gebaut. Filmcrews leben hier. Man muss nicht jeden Kameraassistenten aus Los Angeles einfliegen lassen.

Hat das die Stadt verändert? Im zeitgenössischen Hip-Hop aus Atlanta geht es immer noch oft um Kriminalität und Gewalt.

Ich lebe nicht in Atlanta und kann Ihnen nicht sagen, inwiefern und wie stark sich die Stadt verändert hat. Und wenn sie die Hip-Hop-Texte ansprechen: Das ist manchmal eben auch Entertainment. Nur wenn sie oft won etwas Rappen, bedeutet das nicht, dass es auch in dem Maße tatsächlich passiert. Das ist Storytelling.

Apropos Storytelling: Sie wollten ursprünglich ein Regisseur werden. Nun sind Sie auf dem besten Wege, ein Starschauspieler zu werden. Wie empfinden Sie diese Entwicklung? Planen Sie bereits eine erste eigene Regiearbeit?

Wenn Sie eine Hauptrolle spielen, dann müssen Sie den ganzen Film im Blick haben. Weil das Publikum sich den Film durch meine Augen anschaut. Man führt nicht Regie, aber man leitet das Publikum und prägt natürlich entscheidend mit, wie und was erzählt wird. Aber es stimmt, ich widme mich zurzeit auch anderen Aspekten des Filmemachens. Ich habe ein Drehbuch mitgeschrieben, werde in Zukunft mit Sicherheit auch Regie führen oder produzieren. Das wichtigste ist doch: Wenn mir eine Idee gefällt und ich denke, dass ich sie unbedingt umsetzen möchte, dann setze ich alles dran, dass das passiert. Egal in welcher Rolle.

Fotos: Ronald Dick
Interview: Hendrik Lakeberg

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